Morning in Brief ・ 07.07.2026

Morning in Brief, 7. Juli 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Maximilian Kern, Stanislaus Ruhaltinger und Driss Schmid – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 MwSt.-Senkung auf Lebensmittel „in erheblichem Ausmaß“ weitergegeben. Die Österreichische Nationalbank (OeNB) beobachtete in der ersten Juliwoche, dass die Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Grundnahrungsmittel weitgehend an die Konsumenten weitergegeben wurde. Bleiben die aktuell beobachteten Preisreduktionen über den gesamten Juli bestehen, ergibt sich für den Monat ein dämpfender Effekt auf die Inflation von 0,15 Prozentpunkten. Für das Gesamtjahr wird, bei gleichbleibender Preisreduktion, ein Rückgang der Inflationsrate von 0,075 Prozentpunkten erwartet. [Quelle: OeNB]

🇦🇹 Wifo kontert FMA-Kritik zu Immobilien-Kapitalpuffer. Der Kapitalpuffer für Gewerbeimmobilienkredite soll bis Juli 2027 stufenweise von 1 % auf 3,5 % steigen. Eine Wifo-Studie warnt vor den Folgen und prognostiziert einen Einbruch der Bauinvestitionen um 1,1 %. FMA-Sprecher Boris Gröndahl widersprach dem auf LinkedIn: Die Bankendaten würden seit der Einführung weder höhere Zinsen noch weniger Kredite zeigen, die Wifo-These sei empirisch nicht haltbar. Dem entgegnet Wifo-Ökonom Thomas Url: Dass die Zahlen bisher stabil sind, sage nicht viel aus. Derzeit würden sich schlicht mehrere Effekte überlagern, etwa die ohnehin schwache Baukonjunktur und die jüngsten EZB-Zinsschritte. Das Wifo-Modell filtere diese Störfaktoren heraus und rechne nur den reinen Puffer-Effekt durch. Daraus ergebe sich der prognostizierte Rückgang der Bauinvestitionen um 1,1 %. Die FMA argumentiert auch, dass der Puffer notwendig ist, weil die notleidenden Kredite steigen. Das sieht Url anders: Die Ausfallquote stagniere seit Anfang 2026, der Markt beruhige sich also. Da das Risiko zudem sehr ungleich verteilt sei, fordert Url weiterhin eine gezielte Einzelprüfung der Problembanken (SREP) statt einer einheitlichen Vorgabe für alle Banken. [Quellen: Thomas Url im Gespräch mit Selektiv; Boris Gröndahl für die FMA]

Kommentar: Koreas Chip-Offensive als Lehre für Europa
von Sylvia Schwaag Serger

Sylvia Schwaag Serger

Südkoreas Industriepolitik konzentriert sich auf staatliche Prioritäten für ausgewählte strategische Technologiebereiche, statt auf die Rettung schwächer werdender Industrien. In Südkorea bedeutet „Picking Winners“ nicht, einzelne Unternehmen am Leben zu halten – dort herrscht die klare Erkenntnis, dass der Staat ein schlechter Richter für Geschäftsmodelle ist. Das südkoreanische Modell sieht auch vor, dass der Staat einen harten Wettbewerb zwischen den Unternehmen fördert. Nehmen wir Rebellions und FuriosaAI, zwei südkoreanische KI-Start-ups, die ernsthafte Konkurrenten für Nvidia sind. Der Wettbewerb zwischen ihnen und anderen heimischen Technologieunternehmen ist gnadenlos.

💡 Rohstoffrisiko: Autoindustrie am stärksten betroffen. Rund 100 Mrd. Euro der jährlichen österreichischen Exporte hängen von Produkten ab, die kritische Rohstoffe benötigen. Davon ist ein Teil zusätzlich besonders exponiert: Güter im Wert von 24,4 Mrd. Euro sind sowohl international hoch wettbewerbsfähig als auch in der Versorgung akut gefährdet. Am stärksten betroffen ist die Automobilindustrie (9,7 Mrd. €), gefolgt von Eisen und Stahl (8,4 Mrd. €) sowie dem Maschinenbau (2,3 Mrd. €). Hauptursache sind extreme Lieferkettenrisiken bei Rohstoffen wie Ferro-Niob, Nickel, Magnesium und Seltenen Erden, die jeweils zentral für Leichtbau, hochfesten Stahl bzw. Halbleiterproduktion sind, und die häufig von einem einzigen Land, meist China, dominiert werden. Laut Studie des Kontext Instituts braucht es neben Importdiversifikation vor allem verstärkte Kreislaufwirtschaft, sprich Materialeffizienz, Produktlanglebigkeit, Wiederverwendung und Recycling, um den Standort wirksam abzusichern. [Quellen: Kontext Institut | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 Tankstellen mit realem Umsatzminus von -12 % im Mai. Laut vorläufigen Daten von Statistik Austria setzte der Einzelhandel im Mai 2026 nominell um 0,5 % weniger um als im Mai 2025 – inflationsbereinigt entspricht das einem Minus von 3,1 %. Sowohl bei Lebensmitteln (-2,1 %), als auch im Non-Food-Bereich (-3,1 %) gingen die Umsätze zurück. Nominelle und reale Werte klafften besonders bei Tankstellen auseinander: Steigende Treibstoffpreise sorgten für ein nominelles Umsatzplus von 8,4 %, um die Inflation bereinigt jedoch für ein Minus von 12 %. Laut Eurostat-Schätzung blieb der Einzelhandelsumsatz in Österreich unverändert. Die höchsten monatlichen Zuwächse verzeichneten Zypern (+3,7 %), Luxemburg (+3,6 %) und Polen (+2,4 %), die stärksten Rückgänge Estland (-2,2 %) und Kroatien (-2 %). [Quelle: Statistik Austria, Eurostat]

🇦🇹 Junos fordern Automatismus bei Pensionsausgaben. Die Junos fordern, dass der bestehende Nachhaltigkeitsmechanismus zu einem „echten Automatismus“ mit verbindlichen Folgen wird, der die erforderlichen Versicherungszeiten sowie Zu- und Abschläge „transparent an Demografie, Lebenserwartung und wirtschaftliche Entwicklung koppelt“, so Junos-Bundesvorsitzende Sophie Wotschke. Hintergrund ist der gesetzlich festgeschriebene Budgetzielpfad für die Bundesausgaben zur gesetzlichen Pensionsversicherung, wonach bei einer kumulierten Überschreitung um mehr als 0,5 % automatisch Reformen greifen müssen, etwa eine Anhebung der Versicherungsjahre für die Korridorpension oder Anpassungen bei Beitragssatz und Pensionsanpassung. Laut Budgetentwurf steigen die Bundesausgaben für die Pensionsversicherung von rund 20,3 Mrd. Euro im Jahr 2026 auf 25,4 Mrd. Euro bis 2030, während der Zielpfad nur 24,8 Mrd. Euro vorsieht, die kumulierte Abweichung von 1,19 Mrd. Euro liegt damit mehr als doppelt so hoch wie die Toleranzgrenze von 559 Mio. Euro. Der Anteil der Pensionsausgaben an den gesamten Bundesausgaben steigt laut aktueller Planung bis 2031 auf knapp 31 %. [Quellen: Junos, Budgetdienst | Grafik: Pensionen – Regierung droht an eigenem Ziel zu scheitern]

🇦🇹 Zuverdienst-Aus brachte 10.000 Vollzeitjobs. Seit Jahresbeginn ist der geringfügige Zuverdienst zum Arbeitslosengeld für die meisten Bezieher gestrichen. Ende Mai gingen nur noch rund 9.400 Personen zusätzlich zum Arbeitslosengeld einer geringfügigen Beschäftigung nach, um 18.000 bzw. zwei Drittel weniger als im Vorjahr, berichtet der Kurier. Der Anteil an allen Arbeitslosen sank von 9 auf 3 %. 10.224 der 18.000 Betroffenen nahmen eine vollversicherte Stelle an, 3.977 davon beim selben Arbeitgeber. Im Kunst- und Kulturbereich, wo temporäre Engagements branchentypisch sind, kritisierten Ende April 1.500 Künstler und 160 Kultureinrichtungen Rechtsunsicherheit bei der Verrechnung kurzzeitiger Jobs. Eine interministerielle Arbeitsgruppe berät über hybride Lösungen nach Schweizer Vorbild, Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen. [Quelle: Kurier]

🇦🇹 Afrikastrategie soll Marktzugang erleichtern. Die Bundesregierung hat eine Afrikastrategie mit 4 Schwerpunkten präsentiert: Stabilität und Sicherheit, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Migration sowie Bildungs- und Kulturkooperation. Umgesetzt werden soll sie von einem neuen Afrikabeauftragten im Außenministerium. Im wirtschaftlichen Schwerpunkt soll ein ökologisch und sozial nachhaltiges Wirtschaftswachstum afrikanischer Staaten gefördert und zugleich österreichischen Unternehmen der Marktzugang erleichtert werden, mit Fokus auf Wasser, Energie und Umwelttechnik, Infrastruktur, Berufsbildung und Verwaltungsmodernisierung. Bessere Geschäfts- und Kooperationsmöglichkeiten für heimische Betriebe sollen sich u. a. aus der demografischen Entwicklung und wachsenden Kaufkraft afrikanischer Länder, der anstehenden Industrialisierung sowie der Notwendigkeit zur Schließung der Infrastrukturlücke ergeben. 2025 exportierte Österreich Waren im Wert von rund 2,3 Mrd. Euro nach Afrika, die Importe lagen bei 2,4 Mrd. Euro. [Quelle: Afrikastrategie, Parlament | Reaktionen: ÖVP, FPÖ]

🇦🇹 Verlängerung der Gasreserve einstimmig beschlossen. Der Hauptausschuss des Nationalrats hat die Verlängerung der österreichischen Gasreserve im Ausmaß von 20 TWh einstimmig beschlossen, sie gilt damit bis 1. April 2029. Begründet wird die Verlängerung mit anhaltenden Unsicherheiten bei globalen Lieferketten und geopolitischen Konflikten. Die Kosten der Verlängerung werden auf rund 240 Mio. Euro geschätzt. Der aktuelle Füllstand der heimischen Gasspeicher liegt bei 55,17 TWh bzw. rund 55 % der Gesamtfüllmenge, das sind rund 16 % weniger als im Vorjahresvergleich. [Quelle: Parlament, AGSI | BMWET, Zehetner via Linkedin, FPÖ]

🇦🇹 Novellen zum Bundesstraßengesetz, Luftfahrtgesetz und Kraftfahrgesetz. Der Nationalrat hat eine Novelle zum Bundesstraßengesetz beschlossen: Die fünfjährige Rechtswirkungsfrist von Planungsgebietsverordnungen soll künftig während eines laufenden UVP-Genehmigungsverfahrens gehemmt werden, damit Verordnungen nicht vor Verfahrensabschluss verfallen. Für Verkehrsminister Peter Hanke ein wichtiger Schritt für mehr Rechts- und Planungssicherheit bei Bundesstraßenprojekten. Zusätzlich fixiert die Novelle den Ausbau von E-Ladeinfrastruktur entlang der Bundesstraßen bis Ende 2030 (alle 25 km für Pkw/leichte Nutzfahrzeuge, alle 40 km für Lkw) und regelt bestehende Schutzzonen-Klauseln bei Rastanlagen und Tankstellen neu. Der Nationalrat beschloss außerdem Nationalrat umfangreiche Novellen zu Luftfahrtgesetz (Drohnenflüge und Zuverlässigkeitsüberprüfungen) und Kraftfahrgesetz (Pickerl-Überprüfung). [Quelle: Parlamentskorrespondenz, Parlamentskorrespondenz]

🇦🇹 Hausärzte orten Wettbewerbsverzerrung durch Gesundheitsreform. Die Präsidentin des Österreichischen Hausärzteverbands (ÖHV), Angelika Reitböck, kritisiert, dass staatlich geförderte Primärversorgungszentren (PVZ) ausgebaut werden sollen, während klassische Kassenordinationen keine vergleichbaren Unterstützungen erhalten. „Klassische Kassenordinationen tragen ihr unternehmerisches Risiko selbst, PVZ werden mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert. Gleiche Leistungen – völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen“, sagt Reitböck und spricht von einer „Wettbewerbsverzerrung“. Zudem warnt der Verband vor einem Versorgungsrisiko: Falle eine Einzelpraxis aus, könnten umliegende Ordinationen einspringen – bei einem PVZ-Ausfall sei eine ganze Region betroffen. [Quelle: ÖHV]

🇦🇹 IV sieht Österreich durch deutsche Reformen unter Zugzwang. Die Industriellenvereinigung sieht angesichts des Reformprogramms der deutschen Bundesregierung wachsenden Handlungsdruck für den österreichischen Wirtschaftsstandort. Deutschland setze bei Bürokratieabbau, Arbeitsmarkt, Pensionen und Investitionen Reformen um. Als richtungsweisend nennt die IV insbesondere die Kopplung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters an die Lebenserwartung in Deutschland, eine Reform, vor der Österreich seit Jahren zurückschrecke. Die österreichische Industriestrategie sei zwar ein wichtiger Schritt, es brauche aber weitere Strukturreformen bei Entbürokratisierung, Genehmigungsverfahren, Arbeitskosten und beim Pensionssystem, um im internationalen Standortwettbewerb nicht weiter zurückzufallen. [Quelle: IV]

🇪🇺 Eurozone: Industrie-Erzeugerpreise stiegen im Mai. Im Mai lagen die Erzeugerpreise für Industriegüter in der Eurozone 5,9 % höher als im Vorjahresmonat. Vor allem die Energiepreise stiegen an (+14 %). Exklusive der Energiepreise betrug der Anstieg der Erzeugerpreise 2,8 %. In der EU wurden die höchsten jährlichen Anstiege der Erzeugerpreise in der Industrie in Bulgarien (+19,3 %), Rumänien (+13,5 %) und Litauen (+12,3 %) verzeichnet, während der einzige Rückgang in Luxemburg (-3,2 %) zu beobachten war. In Österreich betrug der Anstieg 2,3 %. [Quelle: Eurostat]

🇩🇪 Deutsche Regierung billigt den Haushalt für 2027. Die deutsche Bundesregierung hat den Entwurf für den Bundeshaushalt 2027 sowie den Finanzplan bis 2030 gebilligt. Für 2027 sind im Kernhaushalt Ausgaben von 555,4 Mrd. Euro sowie Steuereinnahmen von 394,7 Mrd. Euro budgetiert. Die geplante Nettokreditaufnahme liegt bei 118,7 Mrd. Euro, davon entfallen 33,4 Mrd. Euro auf die reguläre Verschuldungsgrenze und 85,4 Mrd. Euro auf die Bereichsausnahme für Verteidigungs- und sicherheitspolitische Ausgaben. Zusätzlich sind im Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität 54,9 Mrd. Euro sowie im Sondervermögen Bundeswehr 30 Mrd. Euro vorgesehen. Das größte Ausgabenvolumen entfällt auf das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (201,5 Mrd. Euro), gefolgt vom Verteidigungshaushalt (109,7 Mrd. Euro) und dem Verkehrsministerium (26,4 Mrd. Euro). [Quelle: Dt. Bundesregierung, Dt. Bundestag | Service: Klingbeil im ARD-Sommerinterview]

Selektive Agenda:

Heute, Wien: Plenarsitzung des Nationalrat [Info] (bis 10.7.)

Heute, Wien: Auktionstermin für österreichische Bundesanleihe [Info]

Heute, Straßburg: Plenarsitzung des EU-Parlaments [Info] (bis 9.7.)

Heute, Ankara: NATO-Gipfel (bis 8.7.) [Info]

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht „Innovation in Unternehmen 2024“ und „Großhandelspreise Juni“

14:00 Uhr, Wien: OECD veröffentlicht „OECD-Beschäftigungsausblick 2026“

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Barbara Lange-Zehenthofer ist neue Leiterin des Bereichs Corporate Human Resources bei Deloitte Österreich. Sina Lenherr ist die neue Bundesvorsitzende des Verbands Sozialistischer Studenten. Mit 1. Juni 2026 hat Nico Schrittwieser die Position des Senior Marketing Managers bei Lease a Bike übernommen.

Geburtstage: Wir gratulieren Willibald Cernko und Christian Grabner zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

Heute, Kitzbühel: World Venture Forum [Info] (bis 11.7.)

18:30 Uhr, Salzburg: Vollversammlung der IV Salzburg in der Panzerhalle u. a. mit Georg Knill und Karoline Edtstadler [invite only]

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