Morning in Brief ・ 22.07.2026

Morning in Brief, 22. Juli 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Maximilian Kern, Driss Schmid und Yannic Haimeder – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 IV ortet „Wellblech-Konjunktur“, Konjunkturbarometer sinkt auf 4,9 Punkte. Das IV-Konjunkturbarometer ist im 2. Quartal 2026 von 11,5 auf 4,9 Punkte gesunken und liegt damit nur noch „geringfügig“ über dem Stagnationsniveau. Die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage fiel von 8 auf 5 Punkte, die Geschäftserwartung ging von 15 auf 4 Punkte zurück. Am ungünstigsten sind laut der IV die Beschäftigungsaussichten, was auf hohe Lohnstückkosten zurückzuführen ist. Nur noch jedes 12. Unternehmen wolle den Beschäftigtenstand aufstocken, mehr als jedes 4. müsse Personal abbauen. Die Behaltefrist für Wertpapiere hält die IV weiter für essentiell, als realistische Haltedauer nannte Chefökonom Christian Helmenstein gestern 6 bis 12 Monate. Mit dem von Bundeskanzler Christian Stocker anvisierten und vom IHS erwarteten Wachstum von 1 % ist die IV unzufrieden und verweist auf ein Potenzialwachstum von 1,3 bis 1,4 %. „Wir müssen unbedingt wieder einen Zweier vor dem Komma sehen“, so Helmenstein. [Quelle: IV – Pressekonferenz, Aussendung | Reaktion: FPÖ]

„Die ganzen Preisdeckel sind anmaßend“
Interview mit Barbara Kolm

„Wenn die Politik glaubt, von oben herab steuern und regulieren zu müssen, dann ist das eben jene Anmaßung von Wissen (die Friedrich August von Hayek meint, Anm.), und das funktioniert nicht“, sagt Barbara Kolm. Sie ist Präsidentin des Friedrich A. v. Hayek-Instituts in Wien und Nationalratsabgeordnete (FPÖ) und sieht Österreich am Weg in die Staatswirtschaft: „Es werden alle noch mehr belastet, um mehr Staatseinnahmen zu generieren. Wir sind auf dem besten Weg in einen riesigen Moloch-Staat, der alles steuert, alles lenkt und unsere Privatsphäre, unsere Unternehmer und die fleißigen Arbeitnehmer komplett erdrückt“. Die Abgabenquote müsse mittelfristig von 44 % auf 40 % sinken.

💡 Alterssicherung wächst in Österreich schneller als Investitionen. Seit 2010 stieg der Anteil der Alterssicherung am BIP um 1,7 Prozentpunkte, umgerechnet auf das heutige BIP rund 8,4 Mrd. Euro zusätzlich. Die staatlichen Investitionen legten im selben Zeitraum um 0,6 Prozentpunkte zu. Erstere umfasst die reinen Pensionsausgaben, ohne Gesundheitsleistungen, Letztere die Bruttoanlageinvestitionen des Staates in Straßen, Gebäude und Ausrüstung. Im EU-Schnitt fällt der Abstand schwächer aus (+0,4 zu −0,1 %-Punkte), in Schweden dreht sich das Bild sogar um: Dort wuchsen die Investitionen stärker als die Alterssicherung. [Quelle: Eurostat | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 IWF sieht Konjunktur und Gewerbeimmobilienkredite als Risiken für den Finanzsektor. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beurteilt den österreichischen Finanzsektor generell als gut kapitalisiert, profitabel und liquide, wie aus dem Financial Sector Assessment Program (FSAP) hervorgeht. In Stresstests habe sich das Banksystem widerstandsfähig gezeigt, die Kapitalquote bleibe auch im adversen Szenario über den regulatorischen Anforderungen, ebenso könnten die Liquiditätspuffer signifikante Abflüsse verkraften. Als zentrale Risiken nennt der IWF die schwache Konjunktur, das starke Engagement in Osteuropa und den Markt für Gewerbeimmobilienkredite, der weiter genau beobachtet werden müsse. Die Quote notleidender Kredite lag dort zuletzt bei 8,3 %. Verbesserungspotenzial sieht der IWF bei vorsorglichen Maßnahmen, etwa der dauerhaften Wiedereinführung kreditnehmerbasierter Regeln wie der Mitte 2025 ausgelaufenen KIM-Verordnung, sowie bei den Ressourcen von OeNB und FMA. [Quelle: IWF]

🇦🇹 🇪🇺 Kreditnachfrage der Unternehmen bleibt trotz Irankrieg stabil. Die Kreditnachfrage der Unternehmen und die Kreditvergabepolitik der Banken sind im 2. Quartal 2026 laut OeNB-Umfrage stabil geblieben. Nachdem die Banken im Vorquartal noch einen Nachfragerückgang erwartet hatten, wirkt sich der Irankrieg bisher geringer aus als angenommen. Er verstärkt jedoch den Finanzierungsbedarf großer Unternehmen für Restrukturierungsmaßnahmen. Sektoral steht einer gestiegenen Nachfrage im Wohnimmobiliensektor ein Rückgang bei der KFZ-Herstellung und deren Zulieferindustrie gegenüber. Die Nachfrage privater Haushalte nach Wohnbaukrediten steigt seit Anfang 2024 kontinuierlich. Die monatliche Neuvergabe von Wohnbaukrediten hat sich seither von 0,7 Mrd. Euro im Jänner 2024 auf über 1,6 Mrd. Euro im März bis Mai 2026 mehr als verdoppelt. Für das 3. Quartal erwarten die Banken weder bei Unternehmens- noch bei Wohnbaukrediten nennenswerte Veränderungen. In der Eurozone haben die Banken im Durchschnitt die Kreditvergabe an Unternehmen an strengere Vorgaben geknüpft, während sich die Nachfrage nach Unternehmenskrediten erhöht hat. [Quellen: OeNB – Übersicht, Report Q2, Q1, Q4 2025; EZB]

🇦🇹 Studie: Pharmaindustrie zentraler Baustein für Wirtschaftsstandort. Mit der Pharmaindustrie war 2024 laut einer Studie von EcoAustria eine gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung von 12,9 Mrd. Euro verbunden bzw. 2,9 % des BIP. Über direkte, indirekte und induzierte Effekte hängen rund 91.000 Beschäftigte (bzw. 76.000 Vollzeitäquivalente) an der Branche. Dazu kommen geschätzte Steuer- und Abgabeneinnahmen von rund 5,8 Mrd. Euro. Die Pharmaexporte machten 10 % der österreichischen Warenexporte aus, der Handelsbilanzüberschuss bei pharmazeutischen Produkten lag bei rund 8 Mrd. Euro. Zudem entfielen rund 6,5 % der betrieblichen Forschungs- und Entwicklungsausgaben auf pharmazeutische Unternehmen. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass die Rahmenbedingungen der Pharmaindustrie in den Bereichen Forschung, Innovation und wettbewerbsfähige Produktion als Vorbild für andere Branchen dienen könnten. Die Branche stelle damit einen „wichtigen Hebel“ zur Umsetzung der österreichischen Industriestrategie dar und sei ein „zentraler Baustein“ für die Wettbewerbsfähigkeit und die künftige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Österreich. [Quellen: EcoAustria – Übersicht, Studie]

„Morning in Brief“ – Salzburg Summit Edition

Ab Donnerstag meldet sich Selektiv für zwei Tage um 7 Uhr direkt vom „Salzburg Summit“. Als Medienpartner liefern wir im „Morning in Brief“ ein eigenes Event-Briefing mit den wichtigsten Erkenntnissen aus allen Podiumsdiskussionen und Keynotes. Bildergalerien bieten Einblicke in den Kongress sowie die exklusiven Abendevents. Am Salzburg Summit sprechen u. a. der ehemalige US-Außenminister Antony Blinken, der ehemalige kanadische Premier Justin Trudeau, der türkische Finanzminister Mehmet Şimşek, CNN-CEO Mark Thompson uvm.

Wir sehen uns in Salzburg!

🇦🇹 Tirol will bis 2050 energieautonom werden. Tirol strebt bis 2050 Energieautonomie an und setzt dabei v. a. auf den Ausbau von Wasserkraft und Photovoltaik, wie der Energiewende-Check des Österreichischen Biomasse-Verbands festhält. Der Stromanteil am Endenergieeinsatz soll von 24 % auf 47 % steigen. Die größten Einsparungen soll die Elektrifizierung des Straßenverkehrs durch effizientere E-Antriebe bringen. Der Energieverbrauch der Mobilität soll bis 2050 um rund 60 % sinken. Der Bioenergie soll 2050 rund 18 % des Energiebedarfs zukommen. Ausgangspunkt ist ein Erneuerbaren-Anteil von 60 % am Endenergieverbrauch 2024, über dem Bundesschnitt von 43 %. Zu den größten Herausforderungen zählt der Verkehr, der 37 % der Treibhausgasemissionen verursacht, sowie der Erdgas- und Öleinsatz in Gebäuden und Tourismusgemeinden. Tirol ist zudem das einzige Bundesland, dessen Treibhausgasemissionen seit 1990 nicht gesunken sind. [Quelle: Biomasseverband]

🇦🇹 Landwirtschaftsminister Totschnig kündigt Kontrollen für Futtermittelimporte an. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig möchte Futtermittelimporte aus Drittstaaten künftig umfassender kontrollieren lassen. Ziel ist es, dass importierte Futtermittel denselben Standards entsprechen wie heimische Produkte. Das Bundesamt für Ernährungssicherheit (BAES) soll demnach künftig Futtermittel verstärkt auf die Herkunft, Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe sowie verbotene Stoffe in Einzel- und Mischfuttermitteln prüfen. Ergänzt werden soll dies durch Eigenkontrollen der Unternehmen und das EU-Schnellwarnsystem RASFF. [Quelle: BMLUK | Reaktion: Bauernbund]

🇪🇺 Eurozonen-Schuldenquote steigt auf 88,9 % des BIP. Die Staatsschuldenquote der Eurozone ist im 1. Quartal 2026 von 87,7 % auf 88,9 % des BIP gestiegen. Die höchste Quote weist Griechenland mit 143,5 % auf, die niedrigste Estland mit 25,2 %. In Österreich stieg der Anteil der Staatsschulden am BIP im selben Zeitraum auf 83,3 % (Statistik Austria: 83,5 %) – ein Plus von 0,4 Prozentpunkten gegenüber dem 1. Quartal 2025 und von 2 Prozentpunkten gegenüber dem 4. Quartal 2025. Nur in 5 EU-Ländern fiel der Anstieg höher aus. Damit liegt Österreichs Staatsverschuldung weiter über der Maastricht-Grenze von 60 %. [Quelle: Eurostat, Statistik Austria]

🇪🇺 BIP-Defizit sinkt im Euroraum auf 3,1 %. Das saisonbereinigte staatliche Defizit im Euroraum ist im 1. Quartal 2026 auf 3,1 % des BIP gesunken, nach 3,2 % im Vorquartal. In der gesamten EU lag die Quote ebenfalls bei 3,1 %, nach 3,4 %. Österreich näherte sich mit 3,5 % nach 3,7 % im Vorquartal der Maastricht-Grenze an, lag damit aber weiter über dem Euroraum-Durchschnitt. EU-weit verzeichneten Zypern (4,4 %), Irland (2,4 %) und Dänemark (2 %) die höchsten Überschüsse, Bulgarien (7,6 %), Ungarn (6,6 %) und Polen (5,9 %) die höchsten Defizite. [Quelle: Eurostat]

🇬🇧 Großbritannien streicht Mehrwertsteuer auf Strom. Die neue britische Regierung unter Premierminister Andy Burnham hebt ab 1. Oktober die Mehrwertsteuer auf Stromrechnungen privater Haushalte auf, finanziert durch den Verzicht auf das mit 1,8 Mrd. Pfund (2,12 Mrd. Euro) budgetierte Programm für digitale Arbeitnehmerausweise. Für einen Haushalt mit durchschnittlichem Verbrauch entspricht das laut BBC einer Ersparnis von rund 45 Pfund pro Jahr (ca. 53 Euro) – bei zuletzt im Juli um 13 % oder 18 Pfund gestiegenen Stromrechnungen infolge des Nahost-Kriegs. Der frühere Chief Secretary to the Prime Minister, Darren Jones, begrüßte die Maßnahme, mahnte aber, die Regierung müsse beim Budget darlegen, wie sie neue Vorhaben finanziere, da das Ausweisprogramm ohnehin nicht budgetiert gewesen sei. [Quellen: Burnham auf X, BBC, Jones auf X]

🇨🇿 Notenbankchef bremst Tschechiens Regierung bei Euro-Beitritt. CNB-Gouverneur Aleš Michl erteilt in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit den Financial Times Präsident Petr Pavels Werben für einen Euro-Beitritt eine Absage: Die tschechische Wirtschaft habe sich der Währungsunion noch nicht ausreichend angenähert, ein verfrühter Beitritt könne über steigende Löhne und Kosten die Inflation steigen lassen. Michl bevorzugt stattdessen eine flexible Krone als Instrument gegen Inflation. Auch mit Premier Andrej Babiš liegt er über Kreuz: Dessen Forderung nach niedrigeren Zinsen sei eine „trumpartige Billiggeld-Idee“ – Michl hält stattdessen an der Zinserhöhung der CNB vom Juni auf 3,75 % fest. [Quelle: Financial Times]

🇹🇼 Taiwans Wirtschaft dürfte 2026 um fast 10 % wachsen. Das taiwanesische BIP wird laut der staatlichen Statistikbehörde 2026 im Vergleich zu 2025 um 9,64 % zulegen, was dem stärksten Wachstum seit 16 Jahren entsprechen würde. Grund für das Wachstum ist die anhaltend hohe Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz, Hochleistungsrechnern sowie Halbleitern. Die Exportaufträge stiegen im Juni um 59,4 % gegenüber dem Vorjahr auf 95,26 Mrd. US-Dollar. [Quelle: Taiwan – Wirtschaftsministerium, Statistikamt]

🇺🇸 Niedrigere Aluminiumzölle sollen Anreiz für US-Investitionen schaffen. US-Präsident Donald Trump hat per Proklamation ein Anreizprogramm für Aluminiumhersteller unterzeichnet: Wer in den Bau, die Erweiterung oder Modernisierung von Aluminiumhütten in den USA investiert, kann nun „eine gewisse Menge“ Primäraluminium zum halben Regelzollsatz von 50 % einführen. Aluminium komme eine Schlüsselrolle in der Rüstungsindustrie zu, hieß es seitens des Weißen Hauses. Der Handelsminister soll die Investitionszusagen der Unternehmen laufend prüfen und kann die Zollvergünstigung bei Nichteinhaltung auch rückwirkend widerrufen. [Quelle: The White House]

🇺🇸 Trump will 100 % Zölle auf Generika. Nach einer 2-jährigen Übergangsfrist will US-Präsident Trump eine Zollsatz von 100 % auf Generika einführen, der ein Jahr später noch weiter steigen soll. Bis dahin bleibe der Zollsatz bei 0 %. Trump hofft mit der Ankündigung die Generika-Produktion in den USA zu steigern. [Quelle: Trump auf Truth Social]

Agenda

12:00 Uhr, Brüssel: EU-Kommission stellt Aktionsplan zur Säule sozialer Rechte vor

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Kurt Kirchbacher ist der neue Rechtsschutzbeauftragter des Innenministeriums. Kerstin Schorn übernimmt die Geschäftsführung von Takeda Pharma Österreich. Armin Rauscher wird CTO und Sandra Naverschnigg Bereichsleiterin für Finanzen und Controlling der Austria Email AG. Yannic Haimeder ist neuer Redakteur bei Selektiv.

Geburtstage: Wir gratulieren Karin Scheele, Roman Hebenstreit, HRH Prince George Alexander Louis of Wales und Simon Pötschko zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

10:30 Uhr, Bregenz: Eröffnung der Bregenzer Festspiele u. a. mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowie Kulturminister Andreas Babler im Festspielhaus Bregenz [Info]

18:00 Uhr, Salzburg: Salzburg Summit – Welcome Gala Dinner im Hangar 7 [invite only]

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