Morning in Brief ・ 26.08.2026

Morning in Brief, 26. August 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Sara Grasel, Driss Schmid, Yannic Haimeder und Stanislaus Ruhaltinger – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Koalitionspartner gegen Prikraf-Abschaffung. ÖVP und Neos lehnen den Vorstoß von Vizekanzler Andreas Babler, den Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (Prikraf) aufzulösen, ab. Niemandem wäre geholfen, wenn die private Versorgung geschwächt wird, so die ÖVP. Neos-Klubobmann Yannick Shetty warnt davor, in die „Populismusfalle“ zu tappen. Die Darstellungen von Vizekanzler Babler seien „sehr verkürzt“, die Operationen in den Privatspitälern würden auch zur Entlastung des öffentlichen Gesundheitssystems beitragen, so Shetty. Auch die FPÖ lehnt den Vorschlag ab und spricht von einer Schwächung der Spitalsversorgung. Für den Verband der Privatkrankenanstalten entbehrt der Babler-Vorschlag „jeglicher gesundheitspolitischen Grundlage“. Verbandspräsident Josef Macher betont: „Wir sind ein systemrelevanter, kooperativer Partner in der Versorgung der österreichischen Bevölkerung.“ Die Grünen wollen über eine Abschaffung des Prikraf „reden“, bemängeln aber ebenfalls „populistisches Geplärre über angeblich finanzierte Schönheitsoperationen für Superreiche“. [Quelle: ORF-Sommergespräch, ORF, Neos, ZIB2 | Reaktionen: Verband der Privatkrankenanstalten, WKÖ, FPÖ/Kaniak, FPÖ/Schnedlitz, SPÖ/Silvan, SPÖ/Seltenheim, Grüne]

„Wir werden die Klimaneutralität 2040 sicher nicht erreichen“
Interview mit Walter Boltz

Energie-Experte Walter Boltz erwartet nicht, dass Österreich bis 2040 klimaneutral werden kann. Denn „Österreich schafft es nicht einmal, das Zubetonieren von Flächen zu verlangsamen oder die Renaturierungsverordnung durchzusetzen“, kritisiert Boltz. Es handle sich um ein „österreichisches Spezifikum, Dinge zu versprechen, die ohnehin nicht erreicht werden können“. Für das Weltklima sei es außerdem egal, ob Österreich nun 2040 oder 2050 klimaneutral ist. Der ehemalige Leiter der E-Control fordert stattdessen eine stärkere Fokussierung auf Klimawandelanpassungs-Maßnahmen und ein Klimaanpassungs-Gesetz.

💡 Ein Viertel der Gesundheitsversorgung ist privat finanziert. Im ORF-Sommergespräch forderte SPÖ-Chef Andreas Babler die Abschaffung des Prikraf und rückte damit die private Gesundheitsfinanzierung in den Fokus. Im Jahr 2025 wurden in Österreich 61,3 Mrd. Euro für Gesundheit ausgegeben. 14,9 Mrd. Euro davon kamen von privater Seite, also von Haushalten, Unternehmen und freiwilligen Versicherungen. Der Anteil liegt seit Jahren bei 24 bis 25 %. Beim Blick auf die Versorgungsstruktur zeigt sich, dass die Zahl der Kassenvertragsstellen laut Wifo-Studie über das vergangene Jahrzehnt weitgehend konstant blieb, während jene der Wahlärzte deutlich stieg. Damit ist die zusätzliche Versorgungskapazität vor allem privat entstanden. [Quellen: Statistik Austria, Wifo | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 Klimagesetz: Shetty teilt gegen ÖVP und Grüne aus. Neos-Klubobmann Yannick Shetty bezeichnete das neue Klimagesetz gestern als Durchbruch nach 5 Jahren „ideologischem Kleinkrieg zwischen ÖVP und Grünen“. Die ÖVP habe in der letzten Regierung „klargemacht, dass Klimaschutz standortfeindlich ist“ und die Grünen hätten Klimaschutz ohne die Wirtschaft gedacht. Beides sei falsch, Unternehmen würden sich mehr Klimaschutz und Planungssicherheit wünschen. Auch durch die Neos „als Scharnier“ sei es nun gelungen, eine Lösung zu finden. Man sei aber „am Anfang eines langen Weges“. Als nächste Schritte nannte er die Bildung eines „Klimakabinetts“ aus zuständigen Ministerien und dem Vorsitzenden der Landeshauptleute-Konferenz. Und dann gelte es, den Klimafahrplan zu erarbeiten – als „Blaupause“ wünschen sich die Neos den Klimafahrplan Wiens, der gerade in der zweiten Auflage erarbeitet wird. Die Klimaneutralität 2040 beziehe sich in Österreich auf alle Sektoren außerhalb des EU-Emissionshandels, stellte Shetty klar. Viele Unternehmen, die dem ETS unterliegen, würden sich aber freiwillig strengere Ziele setzen – auch im Präsidium der Industriellenvereinigung, so der Klubobmann. Die Standortklausel bezeichnete er als „allgemein gehalten“ und ortete ein Scheingefecht. Auf die Frage, warum nicht einfach der Nationale Energie- und Klimaplan (NEKP) weiterentwickelt wird, antwortete Shetty, dass es sich dabei um ein „absolut zahnloses Gremium“ und einen „nicht treffsicheren Fahrplan“ handle. [Quelle: Pressekonferenz Neos | Reaktion: FPÖ | Interview: „Diese politische Kraftmeierei der SPÖ ist schlechter Stil“]

🇦🇹 Ruf nach raschem Ende des CO₂-Speicherverbots. Das Wirtschaftsministerium fordert eine gemeinsame Umsetzung des Klimagesetzes, der UVP-Novelle sowie der Aufhebung des Verbots der geologischen Speicherung von CO₂ (Carbon-Capture-and-Storage, CCS). Man dürfe nicht nur Ziele beschließen, sondern müsse gleichzeitig auch die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen dafür schaffen, so Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Die Zementindustrie begrüßt die Ankündigung, dass das CCS-Verbot bald aufgehoben werden soll. Da die rechtliche Grundlage fehlt, konnte Österreich bisher keine Förderungen in diesem Bereich beantragen. Laut der Vereinigung der Zementindustrie ist daher eine breite industrielle Anwendung von CCS frühestens ab 2040 realistisch. Energie-Experte Walter Boltz nennt CCS für einige Industriezweige „überlebenswichtig“ und warnt vor Deindustrialisierung: „In der Zement- oder Metallverarbeitungsindustrie entsteht prozessbedingt CO2 und wenn wir CCS nicht erlauben, dann werden diese Industrien Österreich schlicht und einfach verlassen.“ [Quellen: BMWET, VÖZ, Boltz im Selektiv-Interview]

🇦🇹 Wasserkraftproduktion im Juli halbiert. Im Juli 2026 wurde in Österreich aufgrund der Trockenheit um 46 % weniger Strom aus Wasserkraft produziert als im Juli 2025. Auch die Windkraft lieferte um 6,4 % weniger Strom als im Vorjahr. Die Einbußen konnten teilweise durch eine stärkere Photovoltaik-Produktion kompensiert werden (+54 % im Vergleich zum Vorjahresmonat). Dennoch mussten im Juli 751 Gigawattstunden Strom importiert werden. Im Juli des Vorjahres verzeichnete Österreich an 22 Tagen bilanziell einen Überschuss, heuer nur an 4 Tagen. „Erneuerbare Energien sind das Fundament unseres künftigen Energiesystems. Der Juli hat allerdings aufgezeigt, wie volatil die dargebotsabhängige erneuerbare Erzeugung ist. Neben dem weiteren Ausbau von Windkraft und Photovoltaik brauchen wir leistungsfähige Netze und ausreichende Speicherkapazitäten“, so APG-Vorstand Gerhard Christiner. [Quelle: APG]

Kommentar: Der Staat als erster Kunde
von Sylvia Schwaag Serger

Sylvia Schwaag Serger

In der Praxis ist es schwer, die öffentliche Beschaffung wirksam als Innovationsmotor zu nutzen. Anhand nationaler Politiken, Investitionen und tatsächlicher Ergebnisse haben die Autoren eines neuen Berichts der EU-Kommission die Innovationsorientierung der öffentlichen Beschaffung in den europäischen Ländern bewertet: mit einem Score von rund 70 Prozent führt Finnland die Liste mit großem Abstand an, Österreich erreicht mit 52 Prozent Platz drei. Es bleibt aber viel Potenzial ungenutzt, weil wirksame wie notwendige politische Maßnahmen zur Förderung der Innovationsbeschaffung noch nicht umgesetzt wurden.

🇦🇹 Sommersaison auf Rekordkurs. Von Mai bis Juli 2026 wurden in Österreich mit 41,87 Mio. Nächtigungen um 3,2 % mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres verzeichnet. Das ist ein neuer historischer Höchstwert seit Beginn der Aufzeichnungen 1973. Am stärksten stiegen die Nächtigungen in Wien (+5,1 %) und in Vorarlberg (+4,5 %), während im Burgenland (-0,2 %) und in Niederösterreich (-1,1 %) Rückgänge verzeichnet wurden. Bei den Ankünften gingen 9,60 Mio. (+5,6 %) auf Gäste aus dem Ausland und 4,47 Mio. (+3,5 %) auf Gäste aus dem Inland zurück. „Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, wie attraktiv Österreich als Urlaubsland ist. Trotz großer Hitze und herausfordernder Rahmenbedingungen entscheiden sich mehr Gäste für Urlaub in Österreich“, so Tourismusstaatssekretärin Elisabeth Zehetner. [Quellen: Statistik Austria, BMWET]

🇦🇹🇪🇺 Österreich besonders stark von Dürre betroffen. Anhaltende Hitze und Trockenheit haben die Ertragsaussichten der Sommerkulturen in West- und Mitteleuropa verschlechtert. Die Folgen reichen von Ertragseinbußen bis hin zu Ernteausfällen. Die EU-Ertragsprognose liegt dadurch 14 % unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Gemeinsam mit unter anderem Frankreich, Süddeutschland und Ungarn gehört Österreich zu den am stärksten betroffenen Regionen. Laut einer BOKU-Studie erwarten 80 % der heimischen Landwirte negative Folgen des Klimawandels für ihre Betriebe, davon rechnen 40 % mit einer Existenzgefährdung. [Quellen: Joint Research Centre, BOKU]

🇩🇪 Deutschland wächst moderat, Staatsdefizit steigt deutlich. Das deutsche BIP wuchs im 2. Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 % und damit unter dem EU-Schnitt von 0,5 %. Getragen wurde das Wachstum von den Exporten, die um 2 % zulegten, die Importe stiegen um 1,5 %. Der private und der staatliche Konsum verzeichneten ein Plus von je 0,1 %. Im Vorjahresvergleich lag das BIP preisbereinigt um 1 % höher. Zugleich stieg das staatliche Finanzierungsdefizit im 1. Halbjahr 2026 auf 71,3 Mrd. Euro, um 36,6 Mrd. Euro mehr als ein Jahr zuvor. Die Defizitquote liegt damit bei 3,1 % und knapp über dem Maastricht-Referenzwert von 3 %. Den größten Anteil trägt der Bund mit einem Defizit von 48,1 Mrd. Euro. Die Einnahmen stiegen um 2,8 % auf 1.073,2 Mrd. Euro, vor allem durch höhere Sozialbeiträge. Die Ausgaben wuchsen hingegen um 6,1 %, u. a. durch höhere Sozialleistungen, Subventionen und Investitionszuschüsse. [Quelle: Statistisches Bundesamt – Wirtschaftsleistung, Staatsdefizit]

🇩🇪 Deutsche dürften heuer an Kaufkraft gewinnen. Die Tariflöhne könnten 2026 stärker steigen als die Verbraucherpreise, wie das WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung errechnete. Auf Basis der bisher getätigten Neuabschlüsse steigen die Tariflöhne im laufenden Jahr nominal um durchschnittlich 3,1 %, während die Preise im 1. Halbjahr um 2,4 % zulegten. Dies würde einem realen Zuwachs von 0,7 % entsprechen. In großen Branchen wie dem Einzelhandel wird noch verhandelt, in der Metall- und Elektroindustrie beginnen die Verhandlungen erst im Herbst, was das Gesamtergebnis noch verschieben kann. [Quelle: WSI]

🇨🇭 Schweizer Wirtschaft stärker gewachsen als erwartet. Im vergangenen Jahr ist das Schweizer BIP preisbereinigt um 1,6 % gewachsen, 0,1 Prozentpunkte mehr als 2024 und 0,2 Prozentpunkte mehr als zuletzt geschätzt. Ausschlaggebend war die steigende Binnennachfrage (+2,5 %), insbesondere die Investitionstätigkeit (+3,5 %). Am stärksten war die Dynamik bei den Ausrüstungsgütern (+3,7 %), gefolgt vom Baugewerbe (+2,9 %). Nach Branchen war das Wachstum bei den Finanzdienstleistungen (+6,6 %) am größten. Die Kokerei- und Chemie-/Pharmaproduktion wuchs um 8,1 %, während der Sektor Kunst, Unterhaltung und Erholung um 29,3 % einbrach. Der private Konsum wuchs mit 1,7 % langsamer als 2024 (2,1 %). Ebenso ging der Handelsüberschuss zurück, da die Importe stärker stiegen (+11,7 %) als die Exporte (+5,9 %). Das Bruttonationaleinkommen zu laufenden Preisen nahm um 2,5 % zu. [Quelle: Bundesamt für Statistik]

🇺🇸 US-Verbrauchervertrauen sinkt im August leicht. Das Verbrauchervertrauen in den USA sank im August 2026 um 0,8 Punkte auf 89,4 Zähler. Der Rückgang ging auf die Zukunftserwartungen zurück, deren Teilindex um 5,8 auf 68,2 Punkte fiel. Die Einschätzung der aktuellen Lage stieg dagegen um 6,8 auf 121,2 Punkte erstmals seit 3 Monaten, vorrangig durch eine bessere Bewertung des Arbeitsmarkts. Für die kommenden 6 Monate sind die Verbraucher pessimistischer eingestellt. Als Belastung nannten die Befragten weiterhin die hohen Preise, wobei u. a. mehr Personen Kriege und Konflikte angaben. [Quelle: Conference Board]

🇨🇦 Kanada kontert Trump-Zölle. Der kanadische Finanzminister hat die Maßnahmen bekanntgegeben, mit denen sich Kanada gegen die jüngst durch die USA verhängten 50-%-Strafzölle wehren will. Ab 8. September werden Gegenzölle in der Höhe von 15, 25 und 50 % auf Importe aus den Sektoren Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Maschinen, Zellstoff und Papier sowie Elektronik verhängt. Das Volumen von 27,6 Mrd. kanadischen Dollar (rd. 17 Mrd. Euro) soll jenem der US-Zölle exakt gleichwertig sein. Weiters wurde ein Förderpaket im Umfang von 7,5 Mrd. kanadischen Dollar (rd. 4,6 Mrd. Euro) angekündigt, das betroffenen Unternehmen u. a. Liquiditätshilfen bereitstellen soll. [Quelle: Kanadische Regierung]

Selektive Agenda:

10:00 Uhr, Wien: Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer stellt den weiteren Fahrplan bei der Verankerung des „Made in Europe and Partner Countries“-Prinzip im Rahmen der Industriestrategie vor

14:30 Uhr, Washington D.C.: Veröffentlichung des US-BIPs im 2. Quartal sowie des privaten Konsums im 2. Quartal (jeweils 2. Veröffentlichung)

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Kurt Gollowitzer verstärkt mit 1. September 2026 das Führungsteam der Superfund Holding AG. Die österreichische Niederlassung von Merck holt Jens Weidner als Market Access & Governmental Affairs Director und Simon Schultze als Medical Director ins Führungsteam. Barbara Plattner wird im Juni 2027 neue Geschäftsführerin der Tirol Werbung.

Geburtstage: Wir gratulieren Dagmar Koller, Wolfgang Petritsch und Peter Wolf zum Geburtstag.

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