Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Driss Schmid und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Unternehmen 2024 wieder so innovativ wie vor der Pandemie. Rund 60 % der österreichischen Unternehmen haben laut Statistik Austria zwischen 2022 und 2024 Innovationstätigkeiten gesetzt – ein Plus von 3,2 Prozentpunkten gegenüber der Vorperiode. Knapp jedes 3. Unternehmen brachte optimierte Produkte bzw. Dienstleistungen auf den Markt, rund die Hälfte führte neue Prozesse ein. Der mit Innovationen erzielte Umsatzanteil wuchs von 10,1 % (2022) auf 11,3 % (2024). Insgesamt stiegen die Innovationsausgaben auf 13,6 Mrd. Euro und machten 2024 2,2 % des Gesamtumsatzes aus – das entspricht nahezu dem Niveau vor der Covid-Pandemie. [Quelle: Statistik Austria]
„Die meisten europäischen Start-ups sind de facto US-Firmen“
Interview mit Daniel Keinrath
Daniel Keinrath, CEO und Co-Founder von fonio.ai, sieht im Selektiv-Interview die Gefahr eines „Delaware-Flips“ österreichischer Start-ups: Wenn das heimische Gesellschaftsrecht nicht reformiert wird, drohen wachstumsstarke Unternehmen ihren Sitz in die USA zu verlegen, mit der Folge, dass Steuerleistung Österreich verlässt. Keinrath betont, dass er selbst aus Überzeugung an Österreich und Europa festhält, sieht aber eine Vielzahl kleiner struktureller Hürden, etwa bei Mitarbeiterbeteiligung und Gesellschaftsrecht, die diesen Schritt für viele andere europäische Gründer bereits zur Realität machen. Seine Forderung an die Politik: das österreichische Gesellschaftsrecht auf den „Goldstandard“ US-amerikanischer Unternehmensformen zu heben.
💡 Gasspeicher unter Vorjahresniveau. Österreichs Gasspeicher waren im Juni zu 50,3 % gefüllt, im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt 59,5 %. Der Rückstand zieht sich durch die gesamte Speicherperiode seit Oktober. Vor diesem Hintergrund hat der Hauptausschuss des Nationalrats mit Zweidrittelmehrheit die strategische Gasreserve von 20 Terawattstunden um zwei Jahre bis April 2029 verlängert; Grüne und FPÖ stimmten zu, die Kosten liegen bei 240 Mio. Euro im Doppelbudget 2027/2028. Österreich zählt EU-weit zu den Ländern mit der größten Speicherkapazität. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer spricht von einem zufriedenstellenden Verlauf der Einspeicherung und rechnet bis zum Beginn der Wintersaison mit einem Speichervolumen, das dem gesamten Jahresbedarf entspricht. Im Jahr 2024 waren dies 74,4 TWh. [Quelle: AGSI via BMWET, PK Hattmannsdorfer, Energie.gv.at | Grafik: Stanislaus Ruhaltinger]

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Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
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🇦🇹 Wie die Bundeskompetenz für Energie erweitert werden soll. Im Zuge der Reformpartnerschaft soll die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern im Energiebereich neu geregelt werden. Neben Elektrizität sollen künftig auch Gas, Biogas, Wasserstoff und Erdöl zur Bundeskompetenz werden. Bei den Ländern bleiben das Anlagenrecht für Stromerzeugungs-, Speicher- und Leitungsanlagen (sofern nicht bundesländerübergreifend), die Konzessionserteilung für Stromverteilernetzbetreiber sowie Fern- und Nahwärme bzw. -kälte. Auch die Energieeffizienz verbleibt in Länderkompetenz. Die Begutachtung des Gesetzesvorschlags soll noch im Sommer abgeschlossen werden, der parlamentarische Prozess ist für den Herbst vorgesehen. Benötigt wird eine Zweidrittelmehrheit. [Quelle: Hintergrundgespräch BMWET, Ennser auf Linkedin]
🇦🇹 Rechnungshof kritisiert Rücklagen und Bezüge der WKÖ. Die Rücklagen der Wirtschaftskammern und Fachorganisationen stiegen zwischen 2019 und 2024 um 19 % auf 2,06 Mrd. Euro, während der Personalaufwand im selben Zeitraum um 14 % auf 511 Mio. Euro zulegte – frei verfügbar sind laut WKÖ davon nur 232,4 Mio. Euro. Der Rechnungshof bemängelt zudem unklare Kriterien für Funktionärsentschädigungen mit geplanten Erhöhungen von bis zu 65 %, die derzeit ausgesetzt sind, sowie das Fehlen strategischer Zielwerte für den Personalaufwand. Laut Generalsekretär Jochen Danninger stehe der Bericht „nicht im Widerspruch“ zum laufenden Reformprozess, sondern ergänze ihn. Die Empfehlungen sollen bis Ende 2027 gemeinsam mit den Länderkammern umgesetzt werden. [Quellen: Rechnungshof, WKÖ | Reaktionen: FPÖ, UNOS, SWV]
🇦🇹 Marchetti tritt als ÖVP-Generalsekretär zurück. Nico Marchetti legt mit Ende Juli eine Funktion als Generalsekretär und Mediensprecher der ÖVP zurück, bleibt aber Nationalratsabgeordneter und Bildungssprecher. Marchetti will sich nach eigenen Angaben ein zweites Standbein neben der Politik aufbauen. Nachfolger gibt es noch keinen, es soll aber zeitnah einer vorgestellt werden. In Medienberichten wird Markus Gstöttner als möglicher Nachfolger gehandelt. [Quelle: ÖVP, Medienberichte | Reaktionen: ÖVP-Lopatka, ÖVP-Gödl, ÖVP-Bogner-Strauß, SPÖ, Neos, JVP, Wirtschaftsbund, Bauernbund, ÖAAB]
🇦🇹 Forschung an innovativen Therapien rückläufig. Laut einer neuen Pharmig-Erhebung für den Zeitraum 2020-2024 ist die Anzahl klinischer Studien von einem Höchststand von 492 Studien im Jahr 2021 auf 430 Studien 2024 gesunken – ein Rückgang von 12,6 %. Die Leiterin des Tumorzentrums Oberösterreich, Kathrin Strasser-Weippl, betonte gestern bei einem Pressetermin, dass dieser Rückgang auch weniger innovative Therapien für Patienten in Österreich bedeute. Der Zugang zu klinischen Studien gebe Patienten auch Sicherheit, in einem Land behandelt zu werden, das medizinisch am Puls der Zeit ist. Klinische Studien, die von der Industrie bezahlt werden, entlasten das Gesundheitssystem in der untersuchten Periode laut Pharmig um 122,28 Mio. Euro, was 0,21 % der Gesundheitsausgaben entspricht. Der Branchenverband fordert eine rasche Umsetzung einer nationalen Life-Science-Strategie. Die wichtigsten Punkte seien eine Harmonisierung und damit Beschleunigung von Vertragsabschlüssen, Digitalisierung, ausreichend Personal und Infrastruktur in öffentlichen Kliniken und steuerliche Maßnahmen, da die Forschungsprämie nicht zum Tragen kommt, wenn die Konzernzentrale im Ausland liegt, was bei klinischen Studien oft der Fall ist. [Quelle: Pharmig – Pressegespräch]
🇦🇹 Startup-Finanzierungen vervierfachen sich im 1. Halbjahr. Österreichische Startups erzielten laut EY-Startup-Barometer im 1. Halbjahr 2026 472 Mio. Euro an Finanzierungen, nach 110 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Waterdrop und Gropyus erhielten je 100 Mio. Euro, weitere große Runden gingen an Aviloo (30 Mio.), Enpulsion (22,5 Mio.) und Reps (20,2 Mio. Euro). Laut EY-Experte Florian Haas gebe es mehr Finanzierungsrunden, größere Tickets und mehr internationale Investoren. 2022 sind im Vergleichszeitraum allerdings noch 884 Mio. Euro geflossen. [Quelle: EY-Startup-Barometer]
🇦🇹 Statistik Austria: Großhandelspreise im Juni um 5,4 % gestiegen. Österreichs Großhandelspreise sind im Juni verglichen mit dem Vorjahr um 5,4 % gewachsen. Nach einem Jahresplus von 6,9 % im Mai verliert der Preisauftrieb den vorläufigen Daten zufolge an Dynamik. Im Vergleich mit dem Vormonat Mai fiel der Index um 0,7 %, vorrangig aufgrund der zuletzt gesunkenen Preise für Heizöl und Treibstoff. Haupttreiber der Juni-Teuerung im Jahresvergleich ist die Preissteigerung bei Gummi und Kunststoffen in Primärformen (+47,3 %). Günstiger wurden hingegen u. a. die Preise für lebende Tiere (-13,8 %) sowie für Getreide, Saatgut und Futtermittel (-6,7 %). [Quelle: Statistik Austria]
🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im September lag heute Früh bei 76,05 Dollar, ein Plus von 5,4 % im Tagesabstand. Der Gaspreis laut dem für die EU richtungsweisenden Terminkontrakt lag Mittwochfrüh bei 47,84 Euro pro MWh – ein Anstieg um 7,7 %. Nach den Angriffen auf Schiffe in der Straße von Hormus gestern reagierten die USA in der Nacht mit eigenen Angriffen auf iranische Ziele. Zudem setzte die US-Regierung die Sanktionen gegen iranisches Öl wieder in Kraft. [Quellen: Ölpreis, Gaspreis, Reuters]
🇦🇹 Rohölimporte: Weniger aus Kasachstan und neue Lieferquellen. Österreich bezog zwischen Jänner und Mai 2026 insgesamt rund 11,25 % weniger Rohöl aus dem Ausland als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil von kasachischem Rohöl an den Gesamtimporten ging von rund 55 auf 45 % zurück. Zudem sank der Anteil von Bezügen aus Libyen, Saudi-Arabien (von 12,45 auf 2,94 %), Aserbaidschan und der Slowakei. Neue Lieferquellen sind Großbritannien, Brasilien und Algerien, deren Anteil insgesamt rund 12 % ausmacht. Die Importe aus den USA, dem Irak und Guyana stiegen anteilsmäßig. Erdöl machte 2024 rund 36 % des österreichischen Energiemixes aus, so das Wirtschaftsministerium. Das Ziel sei, den Bedarf weiter zu reduzieren und in erneuerbare Energie, Netze, Speicher und Wasserstoff zu investieren. [Quellen: PK Hattmannsdorfer, BMWET]
🇦🇹 Reallohn in Österreich wuchs stärker als OECD-Schnitt. Die Reallöhne stiegen von Q1 2021 bis Q1 2026 in Österreich laut OECD um 2,6 %, im OECD-Median nur um 1,2 % und in Deutschland um 0,9 %, während sie etwa in Italien um 6,1 % sanken. In einem Drittel der OECD-Länder liegt der Reallohn noch unter dem Niveau von Anfang 2021. Laut OECD-Beschäftigungsausblick zeigen sich zudem Anzeichen für eine Abschwächung der Arbeitsmärkte in den 38 Mitgliedsländern: Die Arbeitslosigkeit steigt leicht, die Beschäftigungsentwicklung flacht ab, und junge Berufseinsteiger sind zunehmend betroffen. [Quelle: OECD – Aussendung, Employment Outlook 2026]
🇦🇹 Netzausbaukosten von 44 Mrd. Euro sollen um 4,1 Mrd. Euro sinken. Der geplante Netzausbau bis 2040 wird laut Österreichs Energie auf 44 Mrd. Euro geschätzt, die Berechnungen basieren laut Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner auf einem bewusst konservativen Szenario. Durch Maßnahmen der Reformpartnerschaft soll dieser Betrag schätzungsweise um mindestens 4,1 Mrd. Euro gesenkt werden, davon 1,9 Mrd. Euro durch Digitalisierung, 1,25 Mrd. Euro durch „bessere“ Netzplanung und 950 Mio. Euro durch mehr Transparenz und Standardisierung bei den Netzbetreibern. [Quelle: Hintergrundgespräch Reformpartnerschaft, AIT | Reaktion: FPÖ]
🇪🇺 EU-Parlament billigt bis zu 1,5 Mrd. Euro Hilfe gegen Düngerpreise. Das EU-Parlament hat mit 576 zu 62 Stimmen im Eilverfahren Hilfen für Landwirte wegen gestiegener Düngemittelpreise gebilligt. Sie können bis zu 80 % der Mehrkosten erstattet bekommen, etwa infolge der Schließung der Straße von Hormus. Die Mitgliedstaaten dürfen zudem Vorauszahlungen auf Direktzahlungen von 70 auf 75 % erhöhen und schon nach Antragstellung statt erst ab 16. Oktober auszahlen. Die EU-Kommission mobilisiert dafür 500 Mio. Euro, die Mitgliedstaaten sollen weitere bis zu 1 Mrd. Euro beisteuern. Der EU-Rat muss noch zustimmen. [Quelle: EU-Parlament]
🇩🇪 Materialengpässe in deutscher Industrie nehmen zu. Laut Ifo-Institut berichteten im Juni 17,2 % der deutschen Industrieunternehmen von Materialengpässen, nach 15,9 % im Mai. Am stärksten betroffen sind Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen (Anstieg von 25,5 auf 34,2 %) und die Chemieindustrie (29,5 %); auch die Automobilindustrie verzeichnete einen deutlichen Sprung von 10,0 auf 15,7 %. Laut Ifo-Experte Klaus Wohlrabe wirken die Folgen der zwischenzeitlichen Sperre der Straße von Hormus trotz deren Wiedereröffnung nach. [Quelle: Ifo-Institut]
🇩🇪 Deutschland plant Gasreserve für Krisenfälle. Die deutsche Bundesregierung will laut Reuters-Bericht eine strategische Gasreserve von rund 24 TWh aufbauen – knapp 10 % der deutschen Speicherkapazität –, um etwa einen 30-tägigen Ausfall des Anlandepunkts Dornum abzufedern. Die Kosten von 1,2 bis 1,5 Mrd. Euro (2027/28) sowie laufende 150 bis 180 Mio. Euro jährlich sollen über eine Umlage auf Gasverbraucher finanziert werden. Ein Kabinettsbeschluss ist für Mitte August geplant, Inkrafttreten ab 1. Jänner 2027. Österreich hat seine eigene Gasreserve kürzlich bis 2029 verlängert. [Quelle: Reuters]
🇺🇸 US-Handelsdefizit springt wegen KI-Investitionen um 42 % nach oben. Die Lücke zwischen Ein- und Ausfuhren stieg in den USA im Mai um 42,2 % auf 77,6 Mrd. Dollar, wie das US-Handelsministerium mitteilte. Die Importe legten um 3,3 % auf 395,3 Mrd. Dollar zu, getrieben von einem Rekordwert bei Kapitalgütern (128 Mrd. Dollar) infolge massiver KI-Investitionen. Die Exporte sanken um 3,2 % auf 317,7 Mrd. Dollar, trotz Rekord-Ölexporten wegen des Nahost-Kriegs. Der Außenhandel bremst das BIP-Wachstum bereits das 2. Quartal in Folge. [Quelle: US Census Bureau]
Selektive Agenda:
Heute, Wien: Plenarsitzung des Nationalrat [Info] (bis 10.7.)
Heute, Wien: Generaldebatte des Doppelbudgets 2027/2028
Heute, Straßburg: Plenarsitzung des EU-Parlaments [Info] (bis 9.7.)
Heute, Ankara: NATO-Gipfel (letzter Tag) [Info]
Heute, Washington: IWF veröffentlicht Weltwirtschaftsausblick
Heute, Wien: Ministerrat
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht Daten zum Außenhandel im April
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Alexander Figl ist der neue Leiter der Rechtsabteilung der Wiener Städtischen. Matthias Seiringer übernimmt interimistisch die ORF-Enterprise-Leitung.
Geburtstage: Wir gratulieren Wolfgang Puck zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
Heute, Kitzbühel: World Venture Forum [Info] (bis 11.7.)
18:00 Uhr, Wien: Veranstaltung der OeNB und ASCII zum Thema „Wirtschaftliche Abhängigkeiten in einer fragmentierenden Welt: Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Europas strategische Handlungsoptionen“ in der Nationalbank u. a. mit Martin Kocher und Gabriel Felbermayr [Info]