Morning in Brief ・ 10.08.2026

Morning in Brief, 10. August 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Yannic Haimeder, Stanislaus Ruhaltinger und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Jedes vierte Industrieunternehmen überlegt Abwanderung. Laut dem Industrieradar der Wirtschaftskammer (WKÖ), einer Befragung von 270 Industriebetrieben, will ein Viertel der Unternehmen Teile von Beschaffung, Produktion oder Vertrieb ins Ausland verlagern. Als Hauptgrund nennen 96 % der Betroffenen hohe Lohnkosten. 94 % beurteilen die heimischen Lohnstückkosten schlechter als jene der Konkurrenz, 82 % planen Sparprogramme. Zusätzlich wächst der Druck durch chinesischen Wettbewerb (54 %) und die protektionistische US-Handelspolitik (52 % betroffen). „Der Befund ist eindeutig: Österreichs Industrie steht unter Druck und muss dringend entlastet werden“, so WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger, der eine rasche Senkung der Lohnnebenkosten fordert. [Quelle: WKÖ via Krone]

„Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Finanzplatzes ist hervorragend“
Interview mit Mariana Kühnel

Höhere Systemrisikopuffer und die Empfehlung, die KIM-Verordnung weiterhin zu leben: Die Banken kritisieren, dass die Finanzmarktaufsicht damit die Immobilienfinanzierung ungerechtfertigt bremst. „Wir können diese Behauptung anhand der Fakten, die uns vorliegen, nicht nachvollziehen“, sagt FMA-Chefin Mariana Kühnel zur Puffer-Erhöhung. Diese sei notwendig, weil „gewerbliche Immobilienfinanzierungen mit Abstand die größte Quelle notleidender Kredite sind und die Ausfallquoten in Österreich in die Höhe treiben. Sie sind der Grund, warum wir in Europa ein negativer Ausreißer sind.“ Ende 2027 soll der Puffer wieder evaluiert werden. An die KIM-Verordnung müsse sich keine Bank halten, sagt Kühnel außerdem. „Eine Verordnung ist eine Verpflichtung – aber diese Verordnung ist ausgelaufen, alles andere ist ein Mythos.“

💡 Pensionsbeiträge reichen heuer nur bis 10. August. Der Pension Overshoot Day, jener Tag, an dem die laufenden Beitragseinnahmen des Pensionssystems rechnerisch aufgebraucht sind, fällt heuer auf den 10. August. Das sind zwei Tage früher als im Vorjahr (12. August) und erstmals vor dem Tag der Jugend. Ab diesem Datum zahlt nur noch der Steuerzahler. Rund 34 Mrd. Euro müssen heuer aus Steuermitteln gedeckt werden, das sind 240 Mio. Euro pro Tag. Nach Projektionen der Alterssicherungskommission verschiebt sich der Tag bis 2030 weiter nach vorne, auf den 5. August. [Quellen: Junge Industrie; Alterssicherungskommission | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈

Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.

Der Link wechselt jeden Freitag.

🇦🇹 Totschnig will für Landwirte Katastrophenfonds einsetzen. Die Trockenheit setzt der Landwirtschaft zu. Die Getreideernte soll laut Schätzungen heuer 20 % unter dem Vorjahresniveau liegen. Regional liegt der Ertrag auf Futterwiesen aktuell bei der Hälfte des üblichen Ertrags. Heute legt die Hagelversicherung eine erste Schadensbilanz zur Trockenheit vor. Die Regierung arbeitet an Hilfen für die Landwirtschaft – am Freitag blieb eine erste Krisensitzung noch ohne konkrete Maßnahmen. Laut Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig dürfe es dabei keine Denkverbote geben, wie er dem Kurier sagt: „Auch Mittel aus dem Katastrophenfonds können eine Rolle spielen.“ Der niederösterreichische LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf will Betriebsmittelkredite begünstigen und in weiterer Folge SV-Beiträge für Bauern aussetzen. [Quellen: BMLUK, Totschnig im Kurier]

🇦🇹 Insolvenz-Entgelt-Fonds: AK-Präsidentin sieht großen Druck auf SPÖ. Der Druck auf die SPÖ wird beim Insolvenz-Entgelt-Fonds sehr groß werden, sagt AK-Präsidentin Renate Anderl im Ö1-Journal zu Gast. Sie würde es begrüßen, wenn Sozialministerin Korinna Schumann den Arbeitgeberbeitrag zu dem Fonds per Verordnung erhöht, will sich aber nicht in die Verhandlungen der Regierung einmischen. AK-Rücklagen stehen laut Anderl „absolut nicht“ zum Schließen der Lücke bereit. [Quelle: Ö1 am 8.8.]

🇦🇹 18 % der Frauen haben bei Pensionsantritt 45 Beitragsjahre. Die Leiterin der Alterssicherungskommission, Christine Mayrhuber, hält wenig von der Idee, das Pensionsantrittsalter an 45 Beitragsjahre zu knüpfen. Derzeit würden nach ihren Berechnungen 47 % der Männer, die in Pension gehen, die 45 Jahre erfüllen – bei Frauen sind es 18 %. [Quelle: APA via Medienberichte]

Kommentar: Der Kanzler hat recht
von Sara Grasel

Sara Grasel Illustration

Es gibt viele Dinge, die darf man als Politiker einfach nicht sagen. Und das muss noch nicht einmal etwas mit Cancel Culture zu tun haben. „Kinder sind keine Arbeit“, ist vielleicht die Mutter aller dieser Sätze. Damit stößt man Menschen über alle Lager hinweg vor den Kopf. Keine Arbeit? KEINE ARBEIT? Kanzler Stocker, dem dieser Satz ausgerechnet auf der Bühne seiner Sommertour durch Österreich über die Lippen kam, hat sich eh entschuldigt. Er hat ja selbst Kinder. Stocker hat trotzdem recht. Wenn wir anfangen, alles, was wir im Leben anstrengend finden, als Arbeit zu bezeichnen und den Staat dann auch noch um Entlohnung bitten, wird der Staat sich mit Fug und Recht auch immer mehr einmischen.

🇦🇹 Österreich bei F&E-Förderung EU-weit auf Platz 4. Die Regierungen der EU haben 2025 laut Eurostat rund 130,2 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung budgetiert, ein Plus von 60,5 % gegenüber 2015. Pro Kopf stiegen die Mittel im EU-Schnitt auf 288,9 Euro (+57,7 % seit 2015). Österreich lag mit rund 530 Euro pro Kopf deutlich über dem EU-Durchschnitt und hinter Luxemburg (917,2 Euro), Dänemark (627,1 Euro) und Deutschland (553,5 Euro) auf Platz 4. [Quelle: Eurostat]

🇦🇹 550 Anträge auf Weiterbildungszeit genehmigt. Das AMS hat bis Ende Juli 550 Anträge für die neue Weiterbildungszeit genehmigt. 471 Anträge wurden abgelehnt – meist, weil zu früh angefragt wurde – und 312 sind noch in Bearbeitung. 28,9 % der Menschen in Weiterbildungszeit sind Akademiker. Die Weiterbildungszeit ist jährlich mit Ausgaben von 150 Mio. Euro gedeckelt. [Quelle: APA via Medienberichte | Kommentar: Berufliche Weiterbildung ist kein Allgemeingut]

🇦🇹 Insolvenzen im 2. Quartal weiter rückläufig. Die Zahl der Firmeninsolvenzen sank laut Statistik Austria im 2. Quartal 2026 auf 1.668, ein Rückgang von 3 % gegenüber dem Vorjahresquartal und von 4,1 % gegenüber dem 1. Quartal 2026. Am häufigsten betroffen waren Finanzdienstleistungen/sonstige Dienstleistungen (489 Fälle), der Handel (262) und die Baubranche (260). Auch die Neuregistrierungen gingen mit 15.533 um 11,1 % gegenüber dem Vorjahresquartal zurück. [Quelle: Statistik Austria]

🇦🇹 Mattle: „Markt wird Verbrenner-Aus selbst regeln“. Der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle findet, dass die Debatte um das Verbrennerverbot die Menschen verunsichert hat. „Der Markt wird das Verbrenner-Aus selbst regeln. Da sind keine Zurufe aus der Politik nötig“, sagt er im Interview mit dem Standard. Der Wechsel zu E-Autos werde schnell gehen: „E-Autos werden kostengünstiger, es wird sich vielleicht auch ein Gebrauchtwagenmarkt entwickeln. Da ist Dynamik drin“. [Quelle: Der Standard]

🇦🇹 Immobilienpreise nähern sich wieder dem Rekordhoch von 2022. Wohneigentum verteuerte sich laut OeNB-Immobilienpreisindex im 2. Quartal 2026 um 0,7 % gegenüber dem Vorquartal, im ersten Halbjahr um 1,8 % – trotz Irankrieg und gestiegener Zinsen. Damit liegen die Preise nur mehr 1,5 % unter dem bisherigen Höchststand aus dem 3. Quartal 2022, außerhalb Wiens wurde bereits ein neuer Rekord erreicht. Auch die Neukreditvergabe für Wohnimmobilien stieg im 2. Quartal um 40 % auf 5,4 Mrd. Euro. Raiffeisen Research erwartet für 2026 einen Preisanstieg von 2,5 %, nach 1,0 % im Vorjahr. [Quelle: Raiffeisen Research]

🇦🇹 WKÖ sieht erste Wirkung des EU-Pauschalzolls auf Drittstaaten-Importe. Der seit 1. Juli geltende EU-Pauschalzoll von 3 Euro auf Warensendungen aus Drittstaaten an europäische Verbraucher zeige erste Auswirkungen, teilt die Bundessparte Handel der WKÖ mit. Laut Berufsgruppensprecher Alexander Smuk deuteten erste Angaben aus Branche und von Versanddienstleistern auf einen Rückgang der Sendungsmengen hin, teils um bis zu 40 %. An der nationalen Paketsteuer, die ab 1. Oktober 2026 gelten soll, hält die Branche ihre Kritik aufrecht: Anders als die EU-Maßnahmen erfasse sie auch heimische Händler und Konsumenten. Ein einheitliches EU-Vorgehen sei nationalen Alleingängen vorzuziehen, so Smuk. [Quelle: WKÖ]

🇩🇪 Deutsche Exporte steigen im Juni auf Rekordwert. Die deutschen Exporte legten kalender- und saisonbereinigt gegenüber Mai 2026 um 0,9 % auf 139,3 Mrd. Euro zu – der höchste je gemessene Monatswert, gegenüber Juni 2025 ein Plus von 6,6 %. Die Importe stiegen im gleichen Zeitraum um 4,4 % auf 123,9 Mrd. Euro (+8,4 % im Vorjahresvergleich). Die Außenhandelsbilanz schloss mit einem Überschuss von 15,4 Mrd. Euro, nach 19,3 Mrd. Euro im Mai. Im ersten Halbjahr 2026 wuchsen die Exporte um 3,7 % und die Importe um 4,4 % gegenüber dem Juni 2025. [Quelle: Destatis]

🇨🇳 Chinas Exporte wuchsen im Juli um 23,9 %. Die Ausfuhren legten gegenüber dem Vorjahresmonat um 23,9 % zu, nach einem Plus von 27 % im Juni; die Importe stiegen um 27,5 %. Der Handelsbilanzüberschuss sank dadurch von 125,62 Mrd. auf 112,5 Mrd. Dollar, ein Rückgang von rund 10,4 %. Haupttreiber des Exportwachstums war die steigende Nachfrage nach Hightech-Gütern für den Ausbau der KI-Infrastruktur: Die Halbleiterexporte verdoppelten sich im Wert gegenüber dem Vorjahr nahezu, die Hightech-Exporte insgesamt stiegen um 40,7 %. [Quelle: Reuters]

Selektive Agenda:

Heute, Ankara, Türkei: Bundeskanzler Stocker trifft Recep Tayyip Erdoğan. Stocker begleiten Verkehrsminister Hanke und WKÖ-Vizepräsident Wolfgang Hesoun.

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht „Produktionsindex Juni“ und „Baupreisindex 2. Quartal“

10:30 Uhr, Limburg: Veröffentlichung Sentix-Investorenvertrauen Eurozone August

Wochenvorschau

Am heutigen Montag ist Bundeskanzler Stocker in Ankara, wo er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan trifft. Begleitet wird Stocker von Verkehrsminister Peter Hanke und WKÖ-Vizepräsident Wolfgang Hesoun. In Wien starten die ORF-Sommergespräche im Studio 2 mit Grünen-Chefin Leonore Gewessler. Die Statistik Austria veröffentlicht den Baupreisindex für das 2. Quartal.

Am Dienstag reist Außenministerin Beate Meinl-Reisinger in die USA und trifft dort u. a. ihren US-Amtskollegen Marco Rubio. Die Statistik Austria veröffentlicht die Kfz-Neuzulassungen im Juli, die Arbeiterkammer äußert sich zum Thema Sozialbetrug durch Unternehmen und am Küniglberg stimmt der ORF-Stiftungsrat über das von Generaldirektor Clemens Pig gewünschte Direktorenteam ab. Bundeskanzler Stocker setzt seine Sommertour in Villach fort.

Am Mittwoch veröffentlicht die Statistik Austria Zahlen zu Einbürgerungen im 2. Quartal.

Am Freitag veröffentlicht die Bank Austria ihren Konjunkturindikator für August und die Statistik Austria ihren Baukostenindex für Juli. Von Eurostat kommt die EU-Handelsbilanz für Juni.

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Hana Dellemann wird am 1. Oktober 2026 kaufmännische Geschäftsführerin der Landesholding Burgenland und Vorsitzende der Geschäftsführung. Die Schülerunion hat am Samstag David Makai zu ihrem neuen Bundesobmann gewählt.

Geburtstage: Wir gratulieren Danielle Spera zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

21:05 Uhr, Wien: ORF-Sommergespräch mit Grünen-Bundessprecherin Leonore Gewessler [Info]

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