Morning in Brief ・ 17.07.2026

Morning in Brief, 17. Juli 2026

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Yannic Haimeder, Driss Schmid und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

💡 Wachstumspotenzial fällt auf unter 1 %. Das IHS erwartet in seiner am Donnerstag präsentierten Mittelfristprognose, dass das Produktionspotenzial (jenes Wachstumstempo, das die heimische Wirtschaft bei Normalauslastung von Arbeit und Kapital erreichen kann) von 0,85 % im Jahr 2026 auf 0,75 % im Jahr 2030 sinkt, im Schnitt 0,8 % pro Jahr. Grund ist vor allem der demografisch bedingt schrumpfende Beitrag des Arbeitsvolumens. Damit wächst auch das reale BIP trotz Nachholeffekten nur noch um durchschnittlich 1,0 % pro Jahr, nach 1,9 % im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Beim Budget rechnet das IHS für 2028 mit einem Defizit von 3,6 % des BIP und liegt damit anders als das Finanzministerium weiterhin über der Maastricht-Grenze von 3 %. Auch 2029 und 2030 sollen mit 3,5 % bzw. 3,6 % darüber liegen. IHS-Chef Holger Bonin führte die Abweichung zum BMF auf unterschiedliche Einschätzungen der Maßnahmen und der Konjunkturannahmen zurück; die Konsolidierung selbst bremse das Wachstum kaum, da sie überwiegend einnahmenseitig erfolge. Er kritisierte aber, dass die Demografie bei Pensionen und Gesundheitsausgaben nicht ausreichend berücksichtigt sei, und forderte eine „Reformpartnerschaft 2.0“ von Bund, Ländern, Sozialpartnern, Regierung und Opposition. [Quelle: IHS | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger | Reaktionen: FPÖ, IV, WKÖ, Wb]

„Das eine Prozent Wachstum fällt nicht vom Himmel“
Interview mit Christian Stocker

Das IHS geht bis 2030 in Österreich von einem durchschnittlichen Wachstum von 1 Prozent aus. Das entspricht dem Ziel, das sich Bundeskanzler Christian Stocker gesetzt hat. Für unambitioniert hält er es nicht: „Das eine Prozent fällt nicht vom Himmel. Als ich Bundeskanzler wurde, drohte ein drittes Rezessionsjahr – die Prognose für das Jahr 2025 lag bei minus 0,3 Prozent. Damals wäre 1 Prozent grandios gewesen“. Zu den Prognosen, die die Erreichung des Defizitziels 2028 infrage stellen, sagt Stocker: „Wir haben sie im Vorjahr widerlegt, wir werden es hoffentlich auch diesmal tun“. Dem Freiwilligen-Modell der Neos beim Wehrdienst erteilt er eine Absage: Das Modell würde der Bedrohungslage nicht gerecht werden.

🇦🇹 Auch aufgeweichtes „Verbrennerverbot“ würde Österreichs Autozulieferer am härtesten treffen. Österreichs Automobilzulieferindustrie wäre laut einer Fraunhofer-Studie vom EU-Automotive-Paket von allen EU-Staaten am stärksten betroffen. Selbst beim in Brüssel diskutierten Szenario einer 90-prozentigen CO2-Reduktion würde der Anteil konventioneller und Plug-in-Fahrzeuge bis 2040 auf rund 5 % sinken. Für heimische Zulieferer beziffert die Studie die Folgen auf 13 Mrd. Euro Wertschöpfungsverlust bzw. einen Rückgang um 94 % – gegenüber 64 % in Deutschland, 73 % in Frankreich und 90 % in Italien. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer sieht darin bestätigten Handlungsbedarf und fordert die volle Anrechnung von emissionsarmen Stahl, grünem Aluminium und erneuerbaren Kraftstoffen innerhalb der 90-Prozent-Quote sowie besserem Schutz vor Dumping aus Drittstaaten wie China. [Quellen: Fraunhofer IAO/Gesamtmetall, BMWET | Reaktion: IV]

🇦🇹 Bundeskanzler sieht Behaltefrist als Chance für nachhaltiges Pensionssystem. Nachdem Staatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl die Behaltefrist für Wertpapiere wieder ins Spiel gebracht hat, erhält sie Rückendeckung von Bundeskanzler Stocker. „Wenn wir uns unser Pensionssystem ansehen, sehe ich im Kapitalmarkt eine große Chance ganz sicher für die zweite und dritte Säule – im kleinen Umfang auch für die erste Säule“, so Stocker zu Selektiv. Er sieht darin eine Möglichkeit, das Pensionssystem nachhaltig abzusichern: „Wenn wir uns dem Kapitalmarkt wirklich widmen würden, könnten wir viele dieser Fragen lösen“. Die Behaltefrist sei jedenfalls „wert, besprochen zu werden“. Das Büro des Finanzministeriums verweist auf Nachfrage von Selektiv darauf, dass eine steuerliche Begünstigung von Wertpapiergewinnen nicht Teil des Regierungsprogramms ist. Die Industriellenvereinigung betonte in einer Reaktion, dass eine Behaltefrist und steuerliche Anreize ein wichtiger Schritt zur Attraktivierung der dritten Pensionssäule wären. [Quellen: Interview Stocker, BMF auf Nachfrage, IV | Grafik: Geldanlage: Sparbuch schlägt Aktie]

🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update. Die mittleren Treibstoffpreise lagen gestern bei 1,959 Euro für Diesel und 1,839 Euro für Benzin. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im September lag heute Früh bei 84,96 Dollar, stabil im Tagesabstand. Der Gaspreis laut dem für die EU richtungsweisenden Terminkontrakt lag Freitagfrüh bei 55,79 Euro pro MWh – ein Anstieg um 2,6 %. [Quellen: Spritpreise, Ölpreis, Gaspreis]

🇦🇹 LH Wallner kritisiert EABG und fordert mehr Länder-Kompetenz. Der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner betonte im Bundesrat, Föderalismus sei kein Gegenmodell zu einem starken Staat, sondern könne, richtig ausgestaltet, effizient zur Lösung von Problemen beitragen. Er plädierte für mehr Innovation und Verantwortung in den Regionen, etwa bei Raumordnung, Baugesetzen und Wohnungswesen, und forderte zudem mehr Rechte für den Bundesrat. Bei der Energiewende sollte laut Wallner jedes Bundesland das beitragen, was es am besten könne, Vorarlberg etwa bei der Wasserkraft. Kritik übte er am Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), das Vorarlberg durch „abstrakte Prozentziffern“ zu sehr einschränke. [Quelle: Parlament | Grafik: Erneuerbaren-Ausbau stockt in Westösterreich]

🇦🇹 Bundesrat legt gegen Budgetbegleitgesetz keinen Einspruch ein. Wie zuvor im Nationalrat stimmten ÖVP, SPÖ und Neos auch im Bundesrat für das Paket aus 66 Gesetzesnovellen und 2 neuen Gesetzen. Es sieht u. a. eine Senkung der Lohnnebenkosten ab 2028 bei höherer Körperschaftsteuer auf Gewinne über 1 Mio. Euro vor. Die Paketsteuer von 2 Euro pro Paket tritt am 1. Oktober 2026 in Kraft, die Pensionen steigen 2027 um 2,95 %, bei Ausgleichszulagenbeziehern um 3,3 %. Weitere Maßnahmen sind u. a. ein Einfrieren der Familienbeihilfe sowie steigende Arbeitslosenversicherungsbeiträge für Geringverdiener. FPÖ und Grüne stimmten dagegen. [Quelle: Parlament | Interview: „Paketsteuer schickt Österreich in die digitale Steinzeit“]

🇦🇹 Debatte um Kosten und Verfügbarkeit von Arzneien. Der am Mittwoch präsentierte Heilmittelreport 2026 des Dachverbands der Sozialversicherungsträger hat eine Debatte über die Arzneimittelkosten ausgelöst. Gesundheitsministerin Korinna Schumann kündigte einen verstärkten Einsatz von Generika und eine zentrale Beschaffung hochpreisiger Arzneimittel an und nahm auch die Pharmaindustrie in die Pflicht, für „faire und nachhaltige Preise“ zu sorgen. Die pharmazeutische Industrie hält dagegen, der Report zeige nur die Kosten, nicht den Nutzen der Medikamente: „Dabei entstehen die wahren Kosten erst dort, wo wirksame Therapien fehlen“, so Sylvia Hofinger, Geschäftsführerin des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO). Zudem gehe der Report nur von Listenpreisen ohne die üblichen Rabatte aus. Wenn man die berücksichtigt, zähle das Preisniveau in Österreich zu den niedrigsten, so Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog auf Ö1. Laut Report lagen die Kosten der Sozialversicherung für Heilmittel 2025 bei 4,9 Mrd. Euro, um 7,5 % mehr als 2024 und um 88,2 % mehr als 2013. Pro Bezieher waren es rund 800 Euro (+11 % seit 2024). Umstritten ist auch die Versorgungslage: Der Report sieht eine Entspannung, da in 4 von 5 Fällen fehlender Verfügbarkeit ein wirkstoffgleicher Ersatz bereitsteht, während der Großhändlerverband PHAGO bei 11,4 % des Arzneimittelmarktes Nachschubprobleme beklagt. [Quellen: Ö1-Morgenjournal 16.7., SV Dachverband, PHAGO, FCIO | Reaktionen: FPÖ, Die Grünen, ÖGK, Apothekerkammer]

🇦🇹 Senat der Wirtschaft fordert unabhängigen „Bürokratie-TÜV“. Der Senat der Wirtschaft fordert als Reaktion auf den ersten Entbürokratisierungsbericht von Staatssekretär Sepp Schellhorn eine unabhängige Gesetz-Prüfinstanz nach niederländischem Vorbild. Ein unabhängiger „Bürokratie-TÜV“ solle sicherstellen, dass neue Gesetze keine unnötige Regulierung schaffen und erreichte Entlastungen nicht wieder zunichtegemacht werden. Als realistischeres Ziel als das im Bericht angesetzte niederländische Regulierungsniveau nennt der Senat eine Annäherung an das Schweizer Niveau. Zudem übt er Kritik an der Datengrundlage des Berichts: Von den über 5.000 Rückmeldungen stammen nur 22 % von Unternehmen, der Mittelstand komme kaum vor. Daher fordere man eine eigene, leicht zugängliche Rückmeldemöglichkeit für mittelständische Betriebe. [Quellen: Senat, BMEIA]

🇪🇺 🇦🇹 Hattmannsdorfer fordert vor ETS-Reform Entlastung der Industrie. Vor der heutigen Präsentation der Reform des EU-Emissionshandels (EU-ETS) warnt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer vor einer zusätzlichen Belastung in Milliardenhöhe für die europäische Industrie. „Diese Milliarden brauchen unsere Unternehmen für neue Anlagen, neue Technologien und die Dekarbonisierung“, so der Minister. Er fordert, die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten über 2034 hinaus zu verlängern und den ab 2028 geplanten Abbau zu verlangsamen. Zudem müsse der CO2-Grenzausgleich CBAM erst wirksam funktionieren, bevor der Schutz vor Carbon Leakage zurückgefahren werde. Ein Wegfall der 2023 gratis zugeteilten 18,8 Mio. Tonnen CO2 würde die Industrie bei rund 75 Euro je Tonne mit etwa 1,4 Mrd. Euro jährlich belasten. Die Kommission dürfte dem Anliegen entgegenkommen: Ihre Reform soll das seit 2005 bestehende System zugunsten der Industrie abschwächen, mit zusätzlichen Gratiszertifikaten und einer Verlängerung der kostenlosen Zuteilung bis in die 2040er-Jahre. [Quelle: BMWET | Reaktion: FPÖ]

🇪🇺 EU-Kommission veröffentlicht Paket zur Elektrizitätswirtschaft. Die EU-Kommission möchte laut einem Reuters vorliegenden Entwurf, dass Strom bis 2040 46 % des Energieverbrauchs in der EU ausmachen soll, doppelt so viel wie aktuell. Der Plan ist Teil der EU-Reaktion auf die Folgen des Irankriegs, der Öl- und Gaspreise stark steigen ließ. Das Ziel wurde laut Reuters gestern noch innerhalb der Kommission verhandelt und könnte sich bis zur Veröffentlichung noch ändern. [Quelle: Reuters]

🇩🇪 Deutsche Chemieindustrie weiterhin im Abwärtstrend. Die Produktion in der chemisch-pharmazeutischen Industrie lag im ersten Halbjahr 2026 laut Branchenverband VCI rund 3 % unter dem Vorjahreswert, der Umsatz sank um 1 % auf 106 Mrd. Euro. Die Investitionen in Sachanlagen schrumpften das 3. Jahr in Folge und lagen rund 15 % unter dem Niveau von 2023. Die aktuell leichte Belebung sei v. a. auf Sondereffekte durch den Irankrieg zurückzuführen. Für das Gesamtjahr senkt der Verband seine Prognose auf einen Produktionsrückgang von 1,5 %, nachdem er zu Jahresbeginn noch von einer Stagnation ausgegangen war. [Quelle: VCI]

🇩🇪 Hitzewelle: Schaden für deutsche Wirtschaft bei 6,3 Mrd. Euro. Die zweiwöchige Hitzeperiode Ende Juni hat die deutsche Wirtschaft laut einer Berechnung des Beratungsunternehmens Prognos mindestens 6,3 Mrd. Euro gekostet. Den größten Anteil daran trug das verarbeitende Gewerbe mit rund 1,9 Mrd. Euro, gefolgt vom Gesundheits- und Sozialwesen sowie dem Handel. 97 % der Schäden entstanden laut der Analyse durch sinkende Produktivität der Beschäftigten, nicht durch Maschinenausfälle oder Lieferkettenprobleme. Laut Prognos handelt es sich bei der Summe eher um eine Untergrenze, da weitere Kosten, etwa durch höhere Energiepreise, nicht erfasst seien. [Quelle: Prognos]

🇨🇳 China verhängt vorübergehendes Helium-Exportverbot. Ein Sprecher des chinesischen Handelsministeriums kündigte an, dass China vorübergehend den Export des Edelgases untersagt, um die heimische Versorgung sicherzustellen. Helium spielt eine zentrale Rolle bei der Produktion von Computerchips, wo es zur Kühlung und Reinhaltung eingesetzt wird. Dank des KI-Booms ist die Nachfrage gestiegen. Die Helium-Beschränkungen gelten nicht als politisches Druckmittel, sondern als Reaktion auf Lieferengpässe aus dem Nahen Osten infolge des Irankriegs. [Quellen: MOFCOM/Generalzolldirektion, Handelsministerium via Xinhua]

🌐 IEA warnt vor wachsender Konzentration bei kritischen Rohstoffen. Die Internationale Energieagentur (IEA) rief in ihrem Jahresbericht die Industriestaaten dazu auf, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen zu diversifizieren und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Die geografische Konzentration habe sich zuletzt weiter verstärkt: Auf Indonesien (Nickel) und China (weitere Energiemineralien) als führende Verarbeiter entfielen in den vergangenen 2 Jahren mehr als drei Viertel des gesamten Verarbeitungswachstums. Als möglichen Lösungsansatz nannte die IEA unter anderem öffentliche Finanzzusagen für den Ausbau der Rohstoffversorgung. [Quelle: IEA Global Critical Minerals Outlook 2026]

Selektive Agenda:

Heute, Brüssel: Die EU-Kommission präsentiert ihren Vorschlag zur Überarbeitung des Emissionshandelssystems (ETS). Weiters stellt sie ein Paket zu Elektrizitätswirtschaft (Aktionsplan) und Netzgebühren vor.

Heute, Dublin: Informelle Tagung der EU-Justiz- und Innenminister u. a. mit Innenminister Gerhard Karner (letzter Tag) [Info]

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht endgültigen Verbraucherpreisindex Juni

11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat veröffentlicht endgültige Verbraucherpreise Juni der Eurozone

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Isabel Rippel-Schmidjell hat die Geschäftsführung der Österreichischen Plattform Patientensicherheit übernommen.

Geburtstage: Wir gratulieren Angela Merkel und Michael Drmota zum Geburtstag. Am Samstag hat Franz Pischinger Geburtstag. Am Sonntag wünschen wir Ana Blatnik und Franz Leonhard Eßl alles Gute zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

Spotted: Bei dem AmCham Summer BBQ am Cobenzl wurden gestern u. a. gesehen: Art Fisher, Marco Porak, Christopher Drexler, Martin Eichtinger, Christoph Hermann uvm.

19:00 Uhr, Graz: Styriarte-Konzert „Mahlers Zweite“ in der Helmut List Halle [Info]

20:30 Uhr, Salzburg: Eröffnung der Salzburger Festspiele „Ouverture Spirituelle – Miserere“ in der Kollegienkirche [Info]

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