Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Maximilian Kern, David Schima, Stanislaus Ruhaltinger, Driss Schmid und Yannic Haimeder – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Neuer Tourismus-KV fixiert. Ab 1. Oktober 2026 werden die Löhne und Gehälter der 250.000 Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie im Schnitt um 3,02 % erhöht. Lehrlinge und Hilfskräfte bekommen ein Plus von 3,44 % bzw. 3,48 %. Für den Großteil der Beschäftigten sieht der neue KV eine fixe Prämie von 275 Euro und eine freiwillige steuerfreie Prämie von 500 Euro vor. Darauf haben sich Gewerkschaft und Arbeitgebervertreter am Dienstag geeinigt, nachdem zuvor 4 Verhandlungsrunden gescheitert waren. „Das ist kein Triumph“, sagt Eva Eberhart, Verhandlungsleiterin der Gewerkschaft vida. Immerhin habe man „das Schlimmste“ – einen Abschluss weit unter der Inflation – verhindern können. Die Wirtschaftskammer hingegen ortet einen „fairen und verantwortungsvollen Kompromiss“. Zwischen 2021 und 2025 betrug das Lohnwachstum im Tourismus 27,1 %, während die Inflation um 23,8 % anstieg. [Quellen: ÖGB, WKÖ | Reaktionen: ÖHV]
Kommentar: Akademiker länger arbeiten lassen? Das ist die falsche Pensionsreform
von Gerald Loacker
Die Forderung ist eingängig: Wer lange studiert und erst spät ins Berufsleben einsteigt, soll auch später in Pension gehen. Akademiker hätten schließlich körperlich weniger belastende Berufe als Menschen, die schon mit 15 eine Lehre beginnen. Als politische Parole funktioniert das gut. Als Grundlage für ein Pensionssystem deutlich weniger, denn die Arbeitswelt lässt sich nicht sauber in körperlich arbeitende Nichtakademiker und bequem sitzende Akademiker aufteilen. Ob jemand mit 63 oder 65 noch leistungsfähig ist, entscheidet sich an Tätigkeit, Arbeitsbedingungen und Gesundheit – nicht am Titel vor oder hinter dem Namen.
💡 Rohöl- und Treibstoffpreise entkoppeln sich. Aufgrund anhaltender Engpässe bei den globalen Raffineriekapazitäten bleiben die Preise für raffinierte Produkte hoch, obwohl sich die Rohölnotierungen entspannt haben. Die Kraftstoffpreise werden somit zunehmend von der Verfügbarkeit und Auslastung der Raffinerien bestimmt. Seit ihrem Höchststand sind die Rohölpreise um mehr als 20 % gesunken, während die Nettopreise für Diesel und Superbenzin in Österreich nur um rund 5 % zurückgegangen sind. Der Dieselpreis liegt mittlerweile wieder über 2 Euro pro Liter. Der dämpfende Effekt niedrigerer Rohstoffpreise auf die Verbraucherpreise bleibt daher begrenzt – auch aufgrund der schrittweisen Rücknahme der Spritpreisbremse. „Für Haushalte und Unternehmen bedeutet dies anhaltend hohe Energiekosten. Die Folge ist eine vergleichsweise hartnäckige Energieinflation“, so die Analyse der UniCredit Bank Austria. [Quelle: UniCredit Bank Austria | Grafik von Stephan Frank]

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Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Gemischte Reaktionen auf Neos-Vorstöße. Der Neos-Vorschlag der „Reformdividende“, bei der von jedem Euro, den der Staat über die vereinbarten Budgetziele hinaus einspart, eine Hälfte zum Schuldenabbau und die andere Hälfte zur Steuerentlastung eingesetzt werden soll, trifft auf vorsichtige Zustimmung bei den Koalitionspartnern. Die ÖVP hält fest, dass ihr „die Entlastung der arbeitenden Menschen immer ein Ziel“ ist, zum konkreten Vorschlag aber noch sämtliche Details fehlen würden. Auch die SPÖ will Spielräume im Budget „sinnvoll und gerecht nutzen“, lehnt die Neos-Forderungen zur schrittweisen Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf 67 jedoch ab. „Mit uns gibt es keine Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters“, so SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim. Die FPÖ lehnt die Anhebung ebenfalls ab. [Quellen: Neos, Medienberichte, SPÖ | Reaktionen: FPÖ/Hafenecker, FPÖ/Schnedlitz, ÖGB | Grafik: Lebenserwartung steigt deutlich schneller als Pensionsantrittsalter]
🇦🇹 Papierindustrie warnt vor Alleingang bei Klimazielen. Die heimische Papierindustrie fordert, das nationale Ziel der Klimaneutralität von 2040 an den EU-Zeitplan 2050 anzugleichen. Ein Alleingang belaste den Standort, während Mitbewerber in anderen Mitgliedstaaten länger unter weniger strengen Vorgaben produzieren könnten. Die Branche exportiere rund 90 % ihrer Produktion und stehe damit im direkten europäischen Wettbewerb. „Dem Klima ist nicht geholfen, wenn Produktion und Investitionen dadurch in Mitgliedstaaten verlagert werden, die länger unter weniger ambitionierten Vorgaben produzieren können“, so Austropapier-Präsident Martin Zahlbruckner. [Quelle: Austropapier | Grafik: CO2-Neutralität 2040: Der Preis des Alleingangs]
🇦🇹 ÖGB und PRO-GE fordern Abgabe für Betriebe ohne Lehrlinge. Die Gewerkschaften wollen einen Fachkräftefonds, in den Betriebe einzahlen sollen, die ausbilden könnten, aber keine Lehrlinge aufnehmen. Die Gewerkschaften verweisen auf einen Rückgang der Lehrbetriebe um 34 % zwischen 2007 und 2025. Ende 2025 seien 5.507 Jugendliche ohne Lehrstelle geblieben. „Ausbildungsfaule Betriebe müssen künftig an den Kosten beteiligt werden“, so PRO-GE-Bundesvorsitzender Reinhold Binder. Die Wirtschaftskammer weist die Forderung zurück und spricht von einer „Strafsteuer“, die keinen einzigen Lehrling zusätzlich bringe. Statt eines generellen Lehrstellenproblems gebe es ein regionales Missverhältnis von Angebot und Nachfrage. Österreichweit seien Ende Juli 1.744 mehr Lehrstellen als Suchende gemeldet gewesen. Die WKÖ kritisiert zugleich die fehlende Entlastung seitens der Politik. Betriebe würden jährlich rund 3 Mrd. Euro in Ausbildung investieren, während die staatliche Förderung seit 2023 bei 280 Mio. Euro gedeckelt sei. [Quellen: PRO-GE, WKÖ]
„Beitragszahlungen zu erhöhen ist keine Option“
Interview mit Karl-Heinz Götze
Dem Insolvenz-Entgelt-Fonds fehlt Geld. Nachdem die Unternehmensinsolvenzen seit dem Jahr 2022 kontinuierlich gestiegen sind, ist der Finanzierungsbedarf des Fonds angewachsen. Karl-Heinz Götze, Leiter Insolvenzen des KSV 1870, wägt im Selektiv-Interview die verschiedenen Möglichkeiten zur Finanzierung ab und bringt einen neuen Vorschlag in die Debatte. Was jedenfalls keine Option sei, ist die Erhöhung der Dienstgeberbeiträge: Diese „waren in der Vergangenheit auch im internationalen Vergleich viel zu hoch“ und eine Erhöhung wäre „kontraproduktiv“.
🇦🇹 Ungeplante Stromausfälle auf Tiefststand. Im Jahr 2025 lag die durchschnittliche Ausfallsdauer aufgrund ungeplanter Stromausfälle bei 16,62 Minuten, ein Rückgang von 29,4 % zum Jahr 2024 und der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2005. „Das liegt vor allem daran, dass es im Jahr 2025 kaum zu regional außergewöhnlichen Ereignissen gekommen ist“, erklärt E-Control-Vorstand Alfons Haber. Insgesamt wurden im Vorjahr 14.869 Versorgungsunterbrechungen gemeldet, rund ein Fünftel weniger als 2024 – davon waren 61 % geplant und 39 % ungeplant. Die Ausfallsdauer bei Gas lag bei 2,15 Minuten und damit um 44,4 % niedriger als im Jahr davor, in Summe gab es 2.769 Versorgungsunterbrechungen (-12 %). [Quelle: E-Control]
🇦🇹 Asyl-Erstanträge auf 10-Jahres-Tief. Im Juli wurden 244 Asyl-Erstanträge gestellt – 65 % weniger als im Vorjahresmonat (697) und der niedrigste Juli-Wert seit 10 Jahren. Von Jänner bis Juli 2026 waren es insgesamt 5.743 Erstanträge (im Vorjahreszeitraum 10.442). Das Innenministerium führt den Rückgang auf den Stopp des Familiennachzugs sowie zerschlagene Schlepperrouten zurück. Die meisten Anträge kamen von Syrern (267). In den ersten 7 Monaten 2026 gab es zudem 8.856 Außerlandesbringungen: 4.241 Personen reisten freiwillig aus, 4.615 wurden zwangsweise abgeschoben – 48 % davon waren strafrechtlich verurteilt. Häufigste Zielstaaten sind die Türkei (rund 800), Syrien (rund 650) und Serbien (rund 500). Im Vergleich dazu wurden im 1. Halbjahr 2.319 Syrer und 1.058 Türken eingebürgert. [Quelle: BMI | Grafik: Wer eingebürgert wird und warum]
🇦🇹 Asiatische Onlineplattformen kosten Österreich 212 Mio. Euro. Dem heimischen Handel entgehen durch Einkäufe bei asiatischen Onlinehändlern knapp 570 Mio. Euro Bruttoumsatz. Das mindert das BIP um rund 212 Mio. Euro und kostet über 1.600 Arbeitsplätze, wie eine Studie im Auftrag des Handelsverbands zeigt. Den größten direkten Wertschöpfungsverlust trägt der Handel mit 58 Mio. Euro, auch Produktion, Bau und Gastronomie sind betroffen. Außerdem entgehen dem Staat knapp 100 Mio. Euro an Steuern und Abgaben. „Aus dem Paket um wenige Euro wird ein millionenschwerer Bumerang für den Wirtschaftsstandort“, so Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will. Der Handelsverband begrüßt zugleich den seit Juli geltenden EU-Pauschalzoll von 3 Euro auf Kleinsendungen aus Drittstaaten. Dieser soll das Paketaufkommen aus Fernost nach Angaben der Österreichischen Post um durchschnittlich 26 % reduziert haben. [Quellen: Handelsverband – GAW Studie, Pressemitteilung]
🇦🇹 🇩🇪 „Massive“ Ernteausfälle wegen Dürre erwartet. In Österreich dürfte aufgrund der Trockenheit rund ein Drittel der Obsternte ausfallen, im Gemüsebau werden Einbußen von durchschnittlich 45 % erwartet. In den östlichen Obstbauregionen gehen die Wasserreserven laut Landwirtschaftskammer (LKÖ) bereits vielerorts zur Neige. Im Gemüsebau liegt der Wasserbedarf teilweise zwei- bis fünfmal höher als üblich, die Mehrkosten werden auf bis zu 700 Euro pro Hektar geschätzt. Die LKÖ fordert rasche Hilfe, u. a. bei den gestiegenen Bewässerungskosten. Auch der Deutsche Bauernverband berichtet von erheblichen Einbußen mit einer um 7 % geringeren Getreideernte als im Vorjahr. Ein zu trockenes Frühjahr und eine Hitzewelle im Juni führten vielerorts zu Notreife. „Insbesondere in Süd- und Westdeutschland haben fehlende Niederschläge zu schwachen Erträgen bis hin zu Missernten bei einzelnen Kulturen geführt“, so der deutsche Bauernpräsident Joachim Rukwied. [Quellen: LKÖ, Dt. Bauernverband]
🇩🇪 Studie empfiehlt Preisuntergrenze für das ETS 2. Für das ab 2028 geplante EU-Emissionshandelssystem für Gebäude und Verkehr (ETS 2) empfiehlt eine Studie des Ifo-Instituts einen Preisstabilisierungsmechanismus in Form eines Mindestpreises oder Preiskorridors. Dieser sollte von Beginn an gelten und mit langfristigen Zusagen zu einem Preispfad kombiniert werden. Laut der Befragung von 830 deutschen Industrieunternehmen erhöhen sowohl höhere Zertifikatspreise als auch mehr Preissicherheit die Bereitschaft, in klimafreundliche Technologien zu investieren, etwa gleich stark. Der wichtigste Einzelfaktor sei die wahrgenommene Glaubwürdigkeit der Politik. Im aktuellen ETS 1 beginnt ein durchschnittliches Unternehmen ab einem Zertifikatspreis von 90 Euro in klimafreundliche Technologien zu investieren. Klar positive Reaktionen zeigen sich ab Preisen oberhalb von 100 bis 150 Euro. [Quelle: Ifo-Institut – Übersicht, Studie]
🇩🇪 Konjunktursignale für Deutschland hellen sich auf. Zwei Indikatoren deuten auf bessere Aussichten für die deutsche Wirtschaft. Die vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhobenen Konjunkturerwartungen stiegen im August gegenüber dem Vormonat um 7,9 Punkte auf 34,2 Punkte. Das ist der 4. Anstieg in Folge und insgesamt eine Verbesserung um 51,4 Punkte seit dem April. Anfang des Jahres notierte der Index bei 59,6 Punkten. Die Einschätzung der aktuellen Lage verbesserte sich um 16,5 Punkte, blieb mit minus 61,1 Punkten aber klar negativ. Auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) hob seine Prognose an und rechnet für 2026 nun mit 1 % preisbereinigtem BIP-Wachstum nach zuvor 0,5 %. Für 2027 bleibt es bei 1,3 %. [Quellen: ZEW, BVR]
🇨🇦 🇺🇸 Trump pausiert neue Kanada-Zölle in letzter Minute. US-Präsident Donald Trump hat die für Mittwoch angekündigten 50-%-Zölle auf kanadische Importe im Wert von rund 20 Mrd. Dollar (28 Mrd. kanadische Dollar) um drei Tage, bis Freitagabend, ausgesetzt. Er begründet dies damit, dass Kanada und die USA sich – vorbehaltlich finaler Dokumente – auf ein gemeinsames Abkommen geeinigt hätten. Zuletzt war vor allem die Reduktion der US-Autozölle von 25 % auf 15 % strittig. Im Gegenzug fordern die USA die Aufhebung kanadischer Vergeltungszölle auf US-Autos, mehr Marktzugang für US-Käse sowie ein Ende der von einzelnen Provinzen verhängten Verkaufsverbote für US-Alkohol. Trump brachte zudem die Wiederbelebung der Pipeline Keystone XL ins Spiel, ohne nähere Details zu nennen. [Quellen: BBC, Kurier]
🇺🇸 US-Industrieproduktion steigt, Import- und Exportpreise sinken. Die US-Industrieproduktion stieg im Juli gegenüber dem Vormonat um 0,2 %. Im Juni betrug der Anstieg 0,3 %. Gleichzeitig sanken die Importpreise um 0,4 % im Vergleich zum Vormonat. Bereits im Juni sind sie um 0,3 % zurückgegangen. Auch bei den Exportpreisen wurde ein Rückgang verzeichnet: minus 1,3 % im Vergleich zum Juni. Zölle, Versicherungskosten und weitere Zusatzkosten, die für den Import in die USA nötig sind, werden in den Indizes nicht berücksichtigt. [Quellen: Fed, Bureau of Labor Statistics – Importpreise, Preisbasis]
Selektive Agenda:
Heute, Helsinki: Außenministerin Meinl-Reisinger in Finnland
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht „Verbraucherpreisindex Juli 2026“ (endgültig)
11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat veröffentlicht „Verbraucherpreise Eurozone Juli“ (endgültig), „Offene Stellen 2. Quartal 2026“ und „Arbeitskostenindex 2. Quartal 2026“
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Gustavo Franco wird mit dem 1. November der neue CEO von RHI Magnesita. Patrick Schenner neuer Geschäftsführer bei Mediashop. Martin Lang übernimmt die Regionalleitung von GrECo in der Steiermark.
Geburtstage: Wir gratulieren Markus Beyrer, Armin Wolf, Maria Berger, Rainer Pariasek und Lou Lorenz-Dittlbacher zum Geburtstag.