Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Maximilian Kern, Stanislaus Ruhaltinger und Sara Grasel – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Lohntransparenz frühestens im Herbst. Anfang Juni hat Arbeitsministerin Korinna Schumann einen Entwurf zur Umsetzung der EU-Lohntransparenz in die Koordinierung mit den anderen Regierungsparteien geschickt – einen Tag bevor die Umsetzungs-Frist der EU dazu ablief. Gespräche gab es dazu jedoch noch keine und vor der Sommerpause wird wohl auch nichts mehr weitergehen. Man warte noch ab, bis ÖVP und Neos ihre Rückmeldungen formuliert haben und starte dann im Sommer Verhandlungen, hieß es aus dem Ministerium auf Selektiv-Nachfrage. Man gehe davon aus, im Herbst einen Beschluss erzielen zu können. Aus der Wirtschaft gab es zuletzt massive Kritik am Entwurf der Arbeitsministerin, da er an einigen Stellen über die EU-Vorgaben hinausgeht und eine zusätzliche bürokratische Belastung erwarten lässt. Gleichzeitig zweifeln Ökonomen wie Monika Köppl-Turyna daran, dass der erwartete Effekt, den Gender-Pay-Gap zu reduzieren, damit erreichbar ist. Die Neos übten bereits massive Kritik an dem Entwurf und forderten einen Aufschub (Stop-the-clock) auf EU-Ebene. Gleichzeitig sei das Arbeitsministerium noch bei der Umsetzung von Maßnahmen aus dem Entbürokratisierungspaket von Dezember säumig und schon allein deshalb nicht der richtige Moment für zusätzliche Bürokratie. Auch bei einem Arbeitsrechtspaket gehe seit Monaten nichts weiter, erklärte Neos-Sprecher für Arbeit und Soziales, Johannes Gasser auf Selektiv-Nachfrage. [Quellen: Arbeitsministerium zu Selektiv, Neos-Gasser zu Selektiv, Interview Köppl-Turyna | Grafik: Lohntransparenz: Gut gemeint ist nicht gut gemacht]
Kommentar: Der Brexit entlässt seinen nächsten Premier
von Rainer Nowak
Keir Starmer tritt einen Tag vor dem zehnten Jahrestag des Referendums ab. Großbritannien führt vor, wie lange eine populistische Fehlentscheidung ein Land zermürbt. In Rom lässt sich besichtigen, wie (rechtspopulistische) Souveränität auch aussehen könnte.
💡Zehn Jahre Brexit: UK fällt beim BIP pro Kopf hinter EU-Schnitt: Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum liegt das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf des Vereinigten Königreichs OECD-Daten zufolge unter dem EU-Durchschnitt. Im 4. Quartal 2025 erwirtschafteten Briten 65.974 $ pro Kopf, der EU-Schnitt lag bei 66.914 $. Die Schere öffnete sich ab Q2 2023 und hat sich seither nicht geschlossen. Zum Vergleich: 2010 lag das UK noch rund 5.300 $ über dem EU-Mittel. Beide Volkswirtschaften wuchsen seither, die EU holte jedoch kontinuierlich auf. Den pandemiebedingten Einbruch 2020 verzeichneten beide Seiten, das UK traf er etwas tiefer. Die Daten sind saison- und kalenderbereinigt, in kaufkraftbereinigten US-Dollar. [Quelle: OECD | Grafik von Stanislaus Ruhaltinger]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Gasspeicher aktuell zu 51,64 % gefüllt. Die österreichischen Gasspeicher sind aktuell mit rund 51,8 TWh befüllt, das entspricht 51,6 % der Gesamtspeicherkapazität. Seit dem 1. April stieg die Füllmenge um rund 17,7 TWh bzw. rund 52 %. Beim Einspeichertempo der letzten 7 Tage würde der Füllstand am 1. Oktober bei über 80 % bzw. 80 TWh liegen, was laut Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur über den Erwartungen liegt. In der EU beträgt der derzeitige Füllstand 46,4 %, in Deutschland 38,4 %. Nach EU-Vorgaben müssen die Füllstände zwischen dem 1. Oktober und 1. Dezember 90 % erreichen. [Quellen: AGSI – Österreich, Übersicht; Christoph Dolna-Gruber auf Linkedin, EU-Kommission | Reaktion: FPÖ]
🇦🇹 🌐 Energiepreis-Update. Die Spritpreise normalisieren sich in Österreich zunehmend. Die mittleren Treibstoffpreise lagen gestern bei 1,73 Euro für Diesel und 1,65 Euro für Benzin. In der Woche vor Beginn des Irankriegs lagen die Preise für Diesel bei 1,57 Euro und für Benzin bei 1,52 Euro. Am preislichen Höhepunkt Ende März lag der Medianwert für Diesel bei rund 2,2 Euro und für Benzin bei rund 1,9 Euro. Der Ölpreis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent zur Lieferung im August lag heute Früh bei 77,52 Dollar, ein Minus von 3,8 % im Tagesabstand. Der Gaspreis laut dem für die EU richtungsweisenden Terminkontrakt lag Dienstagfrüh bei 42,12 Euro pro MWh und damit auf dem Vortagsniveau. [Quellen: Spritpreise, Ölpreis, Gaspreis]
„Neutralität hat sich seit ihrer Entstehung erheblich verändert“
Interview mit Peter Koren
Die Verteidigungsindustrie sei für Österreich angesichts der wirtschaftlichen Situation „bedeutsam“, sagt der Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Peter Koren. Damit die Industrie von den Milliardenbudgets profitieren kann, die gerade in Europa locker gemacht werden, braucht es jedoch gesetzliche Anpassungen und industrielle Kooperationen mit Auftragnehmern im Ausland. Bei großen Beschaffungen wie Sky Shield oder der Eurofighter-Nachfolge seien über Rückflüsse Aufträge mit einem Volumen von 4 bis 6 Milliarden Euro für die österreichische Industrie möglich. Die Neutralität solle dabei nicht infrage gestellt werden, aber es brauche eine „zeitgemäße Interpretation“.
🇦🇹 Holzleitner plant Wissenschaftsregionen und Teilzeitstudium. Bei einer Zwischenbilanz zur Hochschulstrategie 2040 kündigte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner eine Reihe von Strukturreformen an: Künftig soll der Grundsatz „Ein Standort – ein Studium“ gelten, Parallelangebote sollen entfallen. Geplant sind außerdem ein Teilzeitstudium, die Abschaffung der Kettenvertragsregelung und des Kurienmodells an Universitäten zugunsten eines Faculty-Modells nach skandinavischem Vorbild, sowie eine Stärkung der Senate zulasten der Universitätsräte. Privatuniversitäten sollen künftig keine öffentliche Finanzierung mehr erhalten. Detailkonzepte sollen über den Sommer ausgearbeitet werden, die fertige Strategie ist für das erste Quartal 2027 angekündigt. [Quelle: Pressekonferenz | Reaktionen: IV, Junos, SPÖ, Die Grünen, ÖH]
🇦🇹 Streit um Uni-Budget geht weiter. „Für die kommende Leistungsperiode fehlen uns 2,5 Mrd. Euro“, sagte die Vorsitzende der Universitätenkonferenz uniko, Brigitte Hütter, gestern vor Medien. 2028 bis 2030 würden 18 Mrd. Euro benötigt, real zur Verfügung stünden aber nur 15,5 Mrd. Euro. Einsparungen hätten massive Folgen für Reputation und Karriereperspektiven von Forschern. Das Uni-Budget muss bis spätestens Ende Oktober feststehen – die Regierung hat dazu eine Klausur für Herbst angesetzt. Die Unis rechnen aufgrund der Doppelbudget-Zahlen mit einem Minus. In der aktuellen Leistungsvereinbarung gäbe es derzeit das bisher höchste Budget, betonte Wissenschaftsministerin Holzleitner. [Quelle: Ö1-Abendjournal 22.6.]
🇦🇹 Doppelbudget 2027/28: 60 Mio. Euro für die Luftfahrt. Im Rahmen des Doppelbudgets 2027/28 stellt die Bundesregierung der österreichischen Luftfahrtbranche 60 Mio. Euro zur Verfügung. Vorgesehen sind die Mittel zur Unterstützung der Branche aufgrund geopolitischer Unsicherheiten, wie das Verkehrsministerium der APA mitteilte. Konkrete Details stehen noch nicht fest. In den kommenden Wochen sollen Gespräche mit Branchenvertretern folgen. Die Austrian Airlines (AUA) begrüßt die finanzielle Unterstützung, sieht den Schlüssel zur langfristigen Sicherung der Wertschöpfung jedoch in strukturellen Maßnahmen sowie in der Schaffung von Rahmenbedingungen, die der Wettbewerbsfähigkeit dienen. Die AUA fordert ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Verkehrsflughäfen und der Flughafen Wien, dass die Mittel zur Senkung der Flugabgabe verwendet werden. [Quelle: APA via Medienberichte]
🇦🇹 E-Commerce-Umsätze auf Höchststand, 47 % gehen ins Ausland. Die österreichischen E-Commerce-Ausgaben erreichen 2026 mit 12,3 Mrd. Euro einen neuen Höchststand, ein Plus von 3 % gegenüber 2025 und 24 % seit 2023. Auf den Onlinehandel entfallen 13 % der einzelhandelsrelevanten Konsumausgaben. Bei ausländischen Anbietern werden 47 % bzw. 5,8 Mrd. Euro der E-Commerce-Ausgaben getätigt, davon 1,3 Mrd. Euro bei chinesischen Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress. Die durchschnittlichen Ausgaben pro Kopf liegen 2026 bei 2.120 Euro. [Quelle: Handelsverband | Grafik: Paketabgabe trifft nicht nur den Handel]
🇦🇹 Wien profitiert vom Rechenzentrums-Boom. Die Nachfrage nach Rechenzentrumskapazitäten in Europa treibt auch sekundäre Standorte wie Österreich an, zeigt eine CBRE-Analyse. Microsoft investierte rund 1 Mrd. Euro in 3 Rechenzentren im Großraum Wien, Google baut in Kronstorf (OÖ) auf 50 Hektar. Die Rechenzentrumsleistung in Wien liegt aktuell bei 53 MW und soll bis Jahresende auf 65 MW steigen. In den europäischen Kernmärkten London, Frankfurt, Paris und Amsterdam wuchs das Angebot im 1. Quartal um 18,9 %, die Nettoabsorption stieg um 90 % auf 572 MW; Frankfurt verzeichnete mit 23 % den stärksten Angebotszuwachs. Bis 2030 könnte sich der Energieverbrauch für Rechenzentren laut CBRE auf das 3- bis 5-Fache erhöhen. [Quelle: CBRE Global Data Center Trends, CBRE Data Center Figures Europe]
🇪🇺 EU-Verbrauchervertrauen steigt, aber noch unter Durchschnitt. In der EU stieg das Verbrauchervertrauen von Mai auf Juni um 1,2 Prozentpunkte, in der Eurozone um 1,3 Prozentpunkte. Es liegt jedoch weiterhin unter dem langjährigen Durchschnitt, der seit Anfang 2022 nicht mehr erreicht wurde. [Quelle: EU-Kommission]
🇪🇺 EU-Aufbaufonds: Weitere 325 Mio. Euro für Österreich. Österreich hat von der EU-Kommission die 4. Tranche aus dem Wiederaufbaufonds erhalten. Damit sind 3,66 von 3,96 Mrd. Euro (92 %) ausbezahlt. Gefördert werden u. a. Photovoltaikanlagen, der Reparaturbonus, medizinische Grundversorgungszentren und Laptops für Schulkinder. Die letzten Ziele müssen bis August 2026 erfüllt, die finalen Zahlungsanträge bis Ende September 2026 eingereicht werden. [Quelle: EU-Kommission]
🇩🇪 Deutscher Industrieverband senkt Wachstumsprognose. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat seine Konjunkturprognose für 2026 von zuvor 1,0 % auf nur noch 0,4 % gesenkt. Konjunktur und Nachfrage verlieren an Dynamik, auch im Euroraum und weltweit fällt das Wachstum geringer aus. Hauptgrund ist der Nahost-Krieg mit seinen Folgen für Energiepreise und Lieferketten. BDI-Präsident Peter Leibinger: „Die Lage der deutschen Industrie ist kritisch. Kritisch heißt aber nicht hoffnungslos.“ Er fordert ein Reformpaket der Bundesregierung mit niedrigeren Steuern, besseren Abschreibungsregeln und Bürokratieabbau. Ohne entschlossene Reformen drohten dauerhafte Verluste in der Wertschöpfung. [Quelle: BDI]
Selektive Agenda:
Heute, Luxemburg: EU-Ministerrat „Agrar- und Fischerei“ (letzter Tag) [Info]
Heute, Budapest, Ungarn: Gipfeltreffen der Visegrad-Gruppe und möglicher zukünftiger Mitgliedsstaaten wie Österreich
Heute, Peking: Außenministerin Beate Meinl-Reisinger in China (bis 25.6.)
6:00 Uhr, Brüssel: Europäischer Autoherstellerverband ACEA Veröffentlichung „Pkw-Neuzulassungen Mai“
10:00 Uhr, London: S&P Global veröffentlicht den Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe sowie Dienstleistungen in der EU, Eurozone und Deutschland im Juni.
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Oliver Gorbach komplettiert per 1. Oktober als Risikovorstand das künftige Geschäftsleitungs- und Vorstandsteam der Raiffeisen NÖ-Wien. Stefanie Christina Huber wurde als Sparkassenverbandspräsidentin wiedergewählt. Dieter Vranckx ist der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Austrian Airlines. Jakob Wolf folgt Sonja Ledl-Rossmann als Landtagspräsident in Tirol. Neuer Klubobmann der ÖVP Tirol wird Sebastian Kolland. Martin Rummel wurde als Rektor der Anton Bruckner Privatuni Linz wiederbestellt.
Geburtstage: Wir gratulieren Andreas Brandstetter zum Geburtstag.